Die Dirndl-Parade

Von Silvia Meixner. -  In Salzburg gibt es nicht nur Mozart und seine Kugeln. Deshalb widmen wir uns der Tracht: Salzburg für Fortgeschrittene! Heute gibt’s ja in jedem besseren Discounter ein Polyesterdirndl zum Schleuderpreis, weshalb wir uns an Originalorte der Originale begeben. Sozusagen ein Branchenreport. Zwar ist ein Aldi-Dirndl besser als keines, aber noch besser ist natürlich eines, das mit Herz und Handarbeit punktet. Angefangen hat das Dirndl mal ganz klein und es von der Arbeitskleidung bis zum ballfeinen Outfit geschafft – diese Entwicklung hat das Dirndl fast allen Kleidungsstücken voraus. Weil man damit immer angezogen ist – so erklären es sich die Liebhaber der Tracht. In Österreich erleben schöne Trachten gerade eine kleine Renaissance. Zum einen ist so ein Dirndl ein Klassiker, den man getrost ein paar Jahrzehnte im Schrank hängen haben kann, zum anderen kaufen neuerdings auch junge Menschen gern im Trachtengeschäft. Facebook und Dirndl, da geht was. Und der junge Herr trägt zum Smartphone die Krachlederne.

Alles fing, wie gesagt, ganz bescheiden an. Die Städter kamen zur Sommerfrische und fanden neben Sonnenschein und Natur auch ländliche Langeweile vor. Die vertrieben sie sich vor hundert Jahren gern mit „Hirtenspielen“: Sie zogen die Kleidung der Menschen vom Lande an und veräppelten sie, indem sie ihr Leben nachspielten. Wenn man sich fragt, warum Menschen vom Land die Städter traditionell und häufig nicht so gern mögen – hier wäre eine Antwort. Die Menschen hielten die Sommerfrischler damals zwar für einfältig, aber ihre Dirndl und Lederhosen waren schön. Am Ende des Sommers nahmen die Sommerfrischler die Arbeitskleidung deshalb mit in die Stadt und beauftragten ihre Schneider, so etwas, nur schöner und prächtiger, herzustellen. So entstanden die Stadtdirndl.

Und weil das Geschäft auch im 21. Jahrhundert noch hervorragend läuft, findet einmal im Jahr in Salzburg die größte Trachtenmesse der Welt statt. Dort werden die Trends der Saison festgelegt. Ein Dirndl ist ein Dirndl ist ein Dirndl? Könnte man meinen. Ist aber nicht so. Bis heute können Kenner anhand Details wie etwa Nähten oder Stoffdruck oder -farbe genau sagen, aus welcher Gegend das Dirndl kommt. Die Trägerin weiß es nicht immer, für die meisten muss ein Dirndl schön sein, der Rest ist egal. Auch an der Farbe und am Strickmuster eines Herrenkniestrumpfes lässt sich die Herkunft des Trägers erkennen. Traditionalisten sehen nicht alles gern, was auf der Trachtenmesse in Salzburg gezeigt wird. Zu bunt, zu kurz, zu billig produziert. Und auch auf die Idee, ein Dirndl mit Tigerstoff herzustellen, muss man erst einmal kommen. Aber irgendwie scheint dieses Kleidungsstück unverwüstlich zu sein. Und alle paar Jahre erlebt es eine Renaissance.

Einer der wichtigsten Anlässe für Tracht ist natürlich das Oktoberfest. Da kauft die reiche Düsseldorfer Gattin gern das Modell für 4000 Euro plus und der Herr an ihrer Seite trägt die Lederhose für 5000. Richtige Männer – aber das ignoriert er natürlich – belächeln ihn, denn man erkennt schon von weitem, dass es keine „richtige“ Lederhose ist. Sie hat nämlich keinerlei Spuren des Lebens – wie auch, wird sie doch nur einmal im Jahr getragen. Eine richtige Lederhose muss speckig sein, wie zum Beispiel jene, die Kaiser Franz Josef trug, vermutlich jahrzehntelang (natürlich nicht ausschließlich), sie ist heute im Museum zu bewundern. Sie sieht aus wie sonst nur Lieblingsteddys, die viel erlebt haben. Irgendwie rührend, das gute Stück und die Gewissheit, dass auch so ein Kaiser nicht ständig neue Kleider mochte.

In Salzburg residiert das Unternehmen „Gössl“. Wer hier kauft, erschrickt nicht, wenn ein Dirndl 600  Euro und mehr kostet und die schöne Strickjacke dazu 300. „Wir verbiegen die Tracht nicht in Richtung Souvenir. Wir machen Premium-Tracht“, sagt Firmeninhaber Gerhard Gössl. Tina Turner (wirklich!) und der spanische König gehören hier zu den prominenten Kunden. Auch Saddam Hussein kaufte hier gern, wir können ihn nun nicht mehr fragen, zu welchen Anlässen er Tracht trug (ist ja auch egal). Das Unternehmen Gössl wurde im Jahr 1947 gegründet und machte erst in Unterwäsche. „Wir machen Tracht, keine Landhausmode“, sagt Gerhad Gössl. Das ist in Österreich eine Glaubensfrage. Landhaus ist eine Mischung aus normaler Mode und einem Schuss Edelweiß, also: chi-chi,  Tracht hingegen bewahrt die Tradition, pflegt die hohe Kunst der perfekten Naht und Herrenjacken gehen hier nur mit Seide gefüttert an den Kunden. Nichts für nur eine Saison, so etwas trägt man gern länger, Gössl steht für „schlicht und wertvoll“. Gute Landhausmode ist das, was hübsch anzusehen den Hauch von Tracht verströmt und schlimme Landhausmode das, was man kurz vor dem Oktoberfest, in Plastik verschweißt, als Dirndl auch beim Discounter kaufen kann. Unter 100 Euro, die Erwartungshaltung an Design und Verarbeitung ist entsprechend.

Die Hauptdirndlschau Österreichs sind die Salzburger Festspiele. Mit einem Stück von Gössl ist man dort stets gut angezogen. Bezaubernd schön sind auch die Hochzeitskleider im Trachtenstil, das Anna Blochl-Dirndl gehört zu den Klassikern der österreichischen Mode. Wer gern selbst näht und auf der Suche nach hochwertigen Dirndl-Stoffen ist, sollte auf dem Weg zum Café Tomaselli (www.tomaselli.at) das Geschäft „Heimatwerk“ (www.sbg.heimatwerk.at)aufsuchen. Seit 1946 werden hier Stoffe verkauft und die Geschichte der Tracht gesammelt und archiviert.

Und was machen männliche Veganer? Natürlich werden die auch hübsch im Alpenstil eingekleidet, denn für Lederverweigerer gibt es die Hanflederne, das ist eine Lederhose ohne Leder aus Hanfstoff. Da soll noch einer sagen, die Ösis wären nicht innovativ!

Wohin führt man sein Dirndl nun aus? Wer in Salzburg lebt und das schon ein bisschen länger, am besten ein paar Generationen lang, schwärmt Fremden verzückt was vom „Edelweißclub“ vor. Ätsch, da kommt Ihr niemals rein! Reinhold Schmuck ist seit acht Jahren stellvertretender Obmann des Edelweißclubs, ein Ehrenamt, das man sich erklettern, nicht ertanzen muss: „Wir sind Bergsteiger. Und einmal im Jahr machen wir ein Tanzfest.“ Auf dem sogenannten  „Edelweiß-Kränzchen“ ist Platz für 2500 Gäste und die Karten sind traditionell nach wenigen Stunden ausverkauft. Es muss ein fröhliches Fest sein, manche Gäste gehen schon seit Jahrzehnten hin. Bis vor 15 Jahren waren im 1881 gegründeten Edelweiß-Club nur Männer zugelassen, neuerdings dürfen auch Frauen auf allerhöchstem Niveau mitklettern. Die Emanzipation macht eben nicht vor Österreich Halt. Im 21. Jahrhundert nimmt sich eine Institution wie der „Edelweißclub“ auf den ersten Blick vielleicht ein wenig altmodisch aus, aber gerade das macht mit seinen Zauber aus. Heutzutage macht man keine Kränzchen mehr, sondern Events oder einen schicken Ball, aber gerade das wollen die „Edelweißer“ nicht. Es gibt auch keinen Eröffnungswalzer, sondern einen Eröffnungsmarsch: „Weil marschieren kann jeder“, sagt Reinhold Schmuck.

Von höchstem Vergnügen ist ein Besuch in der Firmenzentrale des Unternehmens „Schneider“, dessen Produkte auch Alt-Kanzler Helmut Kohl schätzt. „Mein Großvater hat die Firma im Jahr 1895 gegründet“, erzählt Alfons Schneider, „nach dem Zweiten Weltkrieg hatten wir 20 Näherinnen, in den 70er-Jahren tausend Mitarbeiter und heute 218.“ Heute wird in Osteuropa produziert, die Qualität stimmt. Wer bei Schneider kauft, möchte keine Billigware, der Mantel soll zeitlos schön und aus gutem Stoff sein und ein paar Jahre, gern auch Jahrzehnte halten.  1992 gründete die Tochter Katharina die Tochterfirma „Habsburg“, die wahre Luxus-Bekleidungsstücke herstellt, gern für den Adel in aller Welt oder Kunden mit Schloss (oder Schlosstraum). Als Models fungieren seit 2001 Vertreterinnen des Adels, die meisten machen das honorarfrei, weil sie die Mode so schön finden. Das japanische Königshaus ist hier Stammkunde, das spanische sowieso, Hauptabsatzmärkte sind Deutschland und Italien. In Russland und der Ukraine kauft man gern die Habsburg-Lodenhose die mit Hamsterfell gefüttert ist. Eine It-Hose für wohlhabende Jäger.

Die Firmenzentrale von „Schneider“ beherbergt nicht nur arbeitende Menschen, sondern auch ein kleines, feines Privatmuseum. Alfons Schneider ist Geschichtsfan -wenn man ein Unternehmen namens „Habsburg“ betreibt, bleibt das vermutlich nicht aus. Er sammelt alte Gemälde, Dokumente, Uniformen und vor einer Vitrine gerät der Besucher in Entzücken: Da liegt es, das Sterbekreuz der Kaiserin Sisi. Man könnte Alfons Schneider stundenlang lauschen, wenn er erzählt, wie er dieses Gemälde ersteigert und jenes gute Stück gefunden hat. Fehlt nur noch der Kamin. Und Sisis Chaiselongue.

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