Neid mit Beeren

Von Gisela Schütte. – Das Thema beherrscht die Gespräche im Freundeskreis und am Arbeitsplatz so etwa von Mai an: Wohin fährst Du, fahrt Ihr, fahren Sie in den Ferien – Urlaubsziel als Konkurrenzkampf.

Da geht es dann zunächst einmal um die Frage höher, weiter schneller – wer bietet mehr? Wir fahren nach Australien, wir nach Neuseeland. Sieger, ist das Weiter. Wir fahren nach Sylt Hotel XYZ. Auch ein Sieg. Es ist die teuerste Herberge (Wenn sie denn wirklich dort logieren, die Geizhälse). Wir fahren nach St. Tropez. Sieg, höchste Promidichte. Da können alle, die zwischen St. Peter Ording und Usedom urlauben, einpacken. Indien und die  Maharadschas, Brasilien, Amazonas-Regenwald – wer bietet mehr? Wenn das Urlaubsgeld nur für Malle all inclusive reicht, halten Sie am besten den Mund.

Für Neidgefühle sorgen allerdings nicht nur die Entfernung des Urlaubsdomizils und die Kosten der Unterbringung. Auch das Ungewöhnliche bringt Punkte, im Klartext Abneigung. So sitze ich hier gegenwärtig im mittelfinnischen Seengebiet, rundherum nichts als Natur. Elche wohnen hier in der Nachbarschaft, Bären soll es geben, die haben wir noch nicht gesehen, Beeren gibt es definitiv, man kann sich prima durch den Wald futtern. Als ich in der Konkurrenz der Urlaubsziele Finnland angab, stellte sich heraus: Niemand aus dem Freundes- und Bekanntenkreis war je da und niemand hatte je die Idee gehabt, sich hierher zu begeben. Dänemark, Schweden, Norwegen, ja. Aber Finnland? „Zu kalt.“ So ein Blödsinn. Die Sommer sind hier sehr schön. Also Pause. Finnland. Warum fährt die bloß nach Finnland. Das ist so ungewöhnlich, und, verdammt, das macht Eindruck. Und wenn man, wie ich, dann auch noch mit zwei Hunden und Auto auf die Fähre nach Helsinki geht, gibt es das nicht zum Malle-all-inclusive-Tarif. Ganz zu schweigen von den Sommerhäusern, den Mökkis, für die man den einen oder anderen Euro auf den Tisch legen muss. Damit könnte man doch punkten. Wie ärgerlich.

Ein paar Tage später: „Hähä, viel Spaß in Finnland. Ich hab mich mal erkundigt – da gibt es im Sommer ganz viele Mücken.“ Das haben mir jetzt ungefähr 15 Leute mit scheinheiliger Miene erzählt. „Nehmen Sie bloß ordentlich Mückenspray mit!“ Im Klartext: Ganz schön doof, die lässt sich im Sommer von den Mücken fressen, während wir hier auf Malle schön in der Sonne braten. Damit wollte man mich augenscheinlich aus der Konkurrenz der ungewöhnlichen Reiseziele abschießen. Aber bitte nicht zu früh freuen: Es stimmt zwar: In unserem Miet-Garten gibt es ein paar hunderttausend Mücken. Und als wir vor Tagen das Seegebiet Saima in Karelien besuchten, wurden wir von ein paar Milliarden hungriger Blutsauger begrüßt. Leider muss ich den Urlaubsneidern mitteilen, dass wir dank gezielter Vitamin-B-Einnahme für Mücken mit Geschmack gänzlich ungenießbar sind. Die Biester kommen, schnuppern und schwirren angeekelt wieder ab. Ich sitze hier also ohne einen einzigen Mückenstich auf der Terrasse und sehe zu, wie über unserem See die Mücken tanzen. Anlass zur Schadenfreude kann ich also nicht bieten. Es ist ein wunderbarer Urlaub. Ich kann hier in Schlabberhosen herumlaufen und habe Muße, Geschichten zu schreiben, und ab und an kommt die Vermieterin vorbei und bringt uns leckeren Blaubeerkuchen – mit Beeren aus dem Wald. Die Vitamin-B-Sache hatte sich übrigens schon vor Jahren im Amazonas-Regenwald bewährt.

Soviel in Sachen Entfernungskonkurrenz.

Ach ja, und falls es Sie interessiert, warum ich so gern nach Finnland fahre: Es ist traumhaft schön hier und zwanglos und die Leute sind ungemein nett.

Foto: Gisela Schütte



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