Teuer+toll=WA

Von Emma Lagies. – Sydney und Great Barrier Reef? Tolle Ziele – kennt aber fast jeder, der schon einmal in Australien war. Wer down under einmal anders erleben will, sollte auf die gegenüberliegende Seite reisen, in den Wilden Westen!

Australien ist eines der Reiseziele, von denen die meisten schillernde Bilder im Kopf haben. Sydney und der coole, von Adonis-Surfern bevölkerte Bondi Beach. In der Mitte Uluru, bei uns etwas besser als Ayers Rock bekannt. Das Great Barrier Reef im Nordosten, doppelt so lang wie der Rhein. Vielgereiste kennen vielleicht noch das entspannte Melbourne. Klasse Orte – aber ausnahmslos im Osten oder Herzen des Kontinents gelegen.

Für all jene, die neue Wege einschlagen wollen, gibt es ein anderes Australien zu entdecken: den Wilden Westen des Kontinents, der auf der Landkarte Western Australia oder kurz „WA“ heißt. Wäre dieses Drittelstück des Kontinents ein eigenständiges Land, wäre es das zehntgrößte der Welt – aber mit kaum mehr Einwohnern als Hamburg, von denen die Mehrzahl in der Hauptstadt Perth lebt. Der Rest ist voll ungewöhnlichen Lebens, aber weitgehend menschenleer.

Perth ist der Nabel dieses Erdteils, modern, reich, mit eindrucksvoller Skyline. Bekanntlich gibt es sexy Städte, die niemals schlafen ­­– und ein paar andere, die gar nicht erst aufwachen. In diese Gruppe zählt, scherzen Aussies, Perth. Auch das hat natürlich seinen Reiz. Es handelt sich um die einsamste Großstadt der Welt: Die nächstgelegene, Adelaide im Osten, liegt 2.133 Luftlinien-Kilometer entfernt. Das ist so, als ob man in München lebt und die nächste Großstadt kommt irgendwo weit hinter Ankara. Meine Reise, die ich in einer kleinen Gruppe – fünf Frauen, zwei Männer, vier Nationalitäten – gebucht habe, beginnt also nicht eben am Mittelpunkt der Erde. Aber „no worries“, wie man hier zu allem und jedem sagt, es gibt Schlimmeres.

Ein prima Ort, um loszulegen, ist die behagliche Vorstadt Fremantle, an der Mündung des Swan Rivers in den Indischen Ozean gelegen. „Freo“ ist vielleicht keine Schönheit, allerdings perfekt, um sich an die hiesigen, manchmal kernig-unkonventionellen Besonderheiten zu gewöhnen, zum Beispiel auf dem Cappuccino Strip, wo sich Straßencafés und Restaurants abwechseln, daher der Name. Ein paar Minuten entfernt liegt das Round House von 1831, eines der ältesten Häuser der Stadt, das ein wenig an ein, nun: Gefängnis erinnert. Was daran liegt, dass es eines ist. Australiens europäisch geprägte Geschichte begann im Osten (Sydney), Süden (Tasmanien) und Westen (Freo) stets auf dieselbe Tour: als britische Sträflingskolonie.

Stilistisch hat sich seitdem einiges getan. Australien ist heute Flipflop-und-Tanktop-Nation. Trotz der erbarmungslosen Sonne werden viel Haut und sämtliche Tattoos gezeigt, selbst von 70jährigen Mädchen, von denen es hier, glauben Sie mir, einige gibt. Burger, Bier und Barbecue, lautet das kulinarische Motto, und jeder ist auf herzlich unkomplizierte Weise „mate“, Kumpel – egal, ob man sich kennt oder kennen will oder nicht. Und Australien ist nach Jahren des Rohstoffbooms ernsthaft teuer geworden und spielt als Reiseland preislich in einer Liga mit Norwegen und der Schweiz. Im Norden, wo viele Minen liegen, verdienen Lkw-Fahrer zurzeit bis zu 200.000 Dollar im Jahr, um die 160.000 Euro. WA schwimmt in Geld, was sich beim Bezahlen überall bemerkbar macht – in Hotels, im Coffee Shop, beim kleinen Schnittchen zwischendurch. Dies nur als Hinweis für die Reiseplanungen; natürlich sollte man in den Ferien an vieles denken, aber nicht ständig an den Kontostand.

Als wir sieben uns im Laufe von zwei Tagen an Land, Leute und die Zeitzone gewöhnt haben, brechen wir von Perth aus in wildere Gefilde auf, nach Süden Richtung Dunsborough, immer am Ozean entlang. Wir sitzen in einem Kleinbus mit zünftigem Gepäcktrailer, den Diane, 52, lenkt. Sie könnte einem der berühmt-bizarren Filme der Coen-Brüder entsprungen sein, hat eine kleine Nase, rot-grau-goldene Haare und sonnengestresste Haut, die aussieht, als hätte sie – eben: ihr gesamtes Leben unter Australiens Sonne verbracht. Sie fährt in adrettem Kurzärmelhemd und blauer Krawatte langsam durch die aus Wiesen, Hügeln und blassen Eukalyptusbäumen bestehende Landschaft. Unser Sonntagausflugstempo hat einen Grund. Wer in Australien eine kürzere Strecken fahren will – sagen wir 1.000 Kilometer -, macht ernsthaft etwas falsch, wenn er das rasend tut. „Ihr wisst, wofür WA steht, oder?“, fragt Diane. „Wait a while.“

Nach einer Stunde auf gerader Piste wird mir klar, wie riesig und menschenleer WA wirklich ist. Die Natur ist groß, shockingly beautiful und in fast jedem Detail völlig anders als bei uns, sowohl bei Pflanzen als auch Tieren, die man nicht einmal suchen muss, weil sie allgegenwärtig sind und von allein zu einem kommen, aus Appetit, Neugier, Langeweile. Die meisten Gewächse sind endemisch, es gibt sie nur hier. Alle halbe Stunde sieht man Emus und Kängurus auf Feldern und Wiesen grasen oder hoppeln, bizarr und ergreifend zugleich, jedenfalls für Europäer down under. Es sind so viele Wildtiere, dass man bald gar nicht mehr hinschauen mag. Ungefähr 60 Millionen Kängurus leben in Australien, auf jeden Einwohner kommen fast drei. Kein Wunder, dass Diane abgehärtet und unaufgeregt ist, was das Wappentier ihres Zuhauses angeht. Statt dessen klärt sie uns auf, warum komischerweise viele Orte der Gegend auf „up“ enden. Die zwei Buchstaben haben nichts mit „auf“ zu tun, sondern stehen in der Sprache der hiesigen Aborigines für einen „Ort“. Yallingup ist der „Ort der Liebe“, Yoongarillup der des grauen Kängurus, in Kojonup findet man schnittige Axtsteine, und in Mullalyup „haben sich die jungen Männer die Nasen gepierct“.

Im Yallingup Reef Reserve, ein paar Autostunden südlich von Perth, wird heute vielleicht immer noch herzlich geliebt, vor allem aber gesurft und gebadet. In Bunker Bay am Cape Naturaliste schlüpfe ich zum ersten Mal in meinem Leben in einen dicken Neoprenanzug – nicht wegen der sommerlich lauen Wassertemperatur, sondern als Ganzkörperhülle gegen die Sonne. An Haie, von denen es hier ziemlich viele und ziemlich große gibt – weiße und so –, mag ich beim Surfen überhaupt nicht denken, habe lästigerweise aber doch alle paar Minuten abbe Arme und Beine im Sinn. Tja, die Nerven. Die 27jährige Crystal, Typ Cameron Diaz und Lehrerin der Yallingup Surf School, ahnt, woran ich denke und winkt ab. Sie hat die Frage nach der Meeresfauna offenbar schon hundertmal gehört. „Haie kommen nicht auf diese Seite des Riffs“, sagt sie lapidar. „Und übrigens ist mein Gesicht kein Make-up-Desaster, sondern Zinkcreme“, eine dicke rosig-weiße Schicht, die die Haut schützt. „Hier, du brauchst das vielleicht auch“, sagt sie zu mir. Und wirklich: Weder Haie noch Sonne verderben uns den Nachmittag. Nur einer der Herren, Axel, etwas älteren Semesters, bekommt sein Surfbrett in die Rippen – nichts im Leben ist bekanntlich völlig frei von Gebrauchsspuren. Man könnte neidisch werden auf die kesse, schlank-athletisch gebaute Crystal, denke ich, deren Vater Krabben fischt und Gemüse züchtet. „Ich bin ein sehr reicher armer Mensch“, sagt sie lachend und blickt aufs Meer.

An einem der nächsten Tage machen wir in Margaret River Station, im Herzen des Wine Country. Mittags stehen wir an einer Bar des Voyager Estate, eines Weinguts mit herrschaftlichem Haupthaus im holländischen Kap-Stil. Der Garten ist picobello in Schuss und berühmt, die Weine, die Sommelier Claire, eine gebürtige Italienerin, kredenzt, sind es auch. Als wir zwei Stunden später im Hinterzimmer zu Tee und warmen Scones Platz nehmen, haben bereits Chardonnay und Chenin Blanc, Cabernet, Merlot und Shiraz von den umliegenden Hügeln Gaumen und Zungen umspült. Ich habe, wie es sich gehört, brav in den Spittoon ausgespuckt, um nicht vor der Zeit matt im Kopf zu werden.

Das war eine weise Bauchentscheidung, denn just an diesem Nachmittag steht noch eine der legendären Bush-tucker-Touren mit George auf dem Programm. Los geht es in River Mouth, wo der Margaret River ins Meer fließt. George, 56, ist eine Art Senior-Crocodile-Dundee mit Vollbart, Gummi-Crocs an den Füßen, einem braunen Filzhut auf dem Kopf und olivfarbenen Cargopants an den Beinen, die nie trocken sind. Nach einem prüfenden Blick durch die – hoffnungslos wildnisunerfahrenen – Zugereisten, wird sein Ton militärisch zackig. „Kanufahren“ – denn das ist jetzt und hier angesagt – „can make and break a relationship, wie neulich ein Paar aus Wales herausfinden musste.“ Die Regeln eins, zwei und drei lauten: „Jeder muss paddeln“; Mädchenhaftigkeit wird im Busch nicht toleriert. „Und während ich rede, hältst du den Mund, junger Mann“ – dies an den vierjährigen Cameron gerichtet, der mit Mama und Papa mit von der Partie ist. „Okey-dokey.“

Eine Paddelstunde und ein Bläschen am Daumenansatz später finden wir uns unter einem Hain aus Myrtenheiden ein, deren Rinde aus zahllosen pergamentartigen Schichten besteht. „It’s bush-tucker time“, verkündet George – Zeit für ein paar aus der traditionellen Buschnahrung der Aborigines bestehende Snacks. Je nach Jahreszeit und Vegetation können das Beeren, Samen oder Nüsse aus der Wildnis sein, Früchte oder Wurzeln, fingerlange Witchetty-Maden (roh oder geröstet) oder das Fleisch von Känguru, Emu, Salzwasserkrokodil und anderen Köstlichkeiten des Outback. Eine hoch interessante kulinarische Erfahrung, definitiv. Fairerweise muss man sagen, dass Tasmanischer Pfeffer, getrocknete Wildtomaten und Wüstenlimetten nicht ganz nach jedermanns Geschmack sind. Vieles schmeckt doch eher wie eine Mischung aus alter Zitronenschale und Löschpapier. Cameron jedenfalls, ein ansonsten wirklich gut erzogenes Kind, spuckt die kleinen Grüße aus der Küche der Natur instinktiv dahin zurück, wo sie herkamen, und kratzt sich mit den Fingernägeln die Zunge ab. Zum Nachtisch gibt es Schlange. Aus Fruchtgummi.

Das größte und höchste Abenteuer steht uns allerdings noch bevor: die Wolkenkratzer rund ums Städtchen Pemberton, tief im Süden von WA, wo sich ein Nationalpark an den anderen reiht. Hier stehen Karris und der Rote Tingle, eine Eukalyptusart – Baumarten, die bis zu 90 Meter in den Himmel ragen. Einer von ihnen ist der berühmt-berüchtigte Gloucester Tree (was sich „Glaster“ ausspricht). Das Besondere daran ist nicht, dass er mehr als 250 Jahre alt und 60 Meter hoch ist, sondern dass jeder, der will, an in den Stamm gehauenen Metall- und Holzstäben in seinen Wipfel klettern kann. Dort oben, am Ende eines gerade aufragenden Stücks Holz, ist praktischerweise eine Kabine installiert, die einst als Feuerwarte diente und auch bei milder Brise ein paar Meter von hier nach da schwanken kann. Die Aussicht ist toll.

Ich sage gleich: Nichts und niemand in der Welt hätte mich (oder Diane) dazu bewegen können, den Gloucester Tree zu besteigen – und, mutmaßlich noch schlimmer, wieder herunterzukraxeln. Mit einem gewissen Gruseln und stillem Kopfschütteln verfolgen wir, wie achtjährige Mädchen den Aufstieg starten, dann eine Gruppe Inder, barfuß in Badelatschen. Und bevor ich mich umdrehen kann, hängen alle meine Reisegenossen in den Baumwanten und klettern, klettern, klettern. (Bislang sind übrigens zwei Menschen beim Gipfelsturm gestorben, beide an Herzattacken, und ein paar andere mussten von der Feuerwehr abgeseilt werden.) Erfreulicherweise kommen meine Mates wieder herunter, lebend und in einem Stück, blass, übrigens atypisch wortkarg. Merke: In Westaustraliens Abenteuerwildnis kann man tun und lassen, was man will – niemand redet einem rein. Aber ab und an muss man selbst auf sich aufpassen.

 

 Reiseinformationen Western Australia

Reisezeit: Hauptsaison ist während des australischen Sommers, etwa von Dezember bis Februar. Im Winter (Juni bis August) ist es deutlich kühler, leerer und günstiger.

Gesundheit: Impfungen sind nicht erforderlich, unbedingt aber Sonnencreme (Faktor 30+) und Kopfbedeckung. Wer empfindliche Haut hat, sollte Zinkoxidprodukte benutzen, die UV-Strahlung blocken.

Visum: Vor der Einreise im Internet beantragen, das geht unkompliziert und schnell und ist für Urlauber kostenlos. www.australian-embassy.de.

 

Anreise: Die australische Gesellschaft Qantas fliegt täglich von Frankfurt/Main über Singapur nach Perth. Economy ab ca. 953 Euro inkl. Steuern und Gebühren, Premium Economy ab ca. 2.065 Euro. www.qantas.de.

 

Hotels: Ein edles Boutiquehotel ist das Richardson Hotel & Spa. DZ ab ca. 420 Euro, 32 Richardson Street, Perth, www.therichardson.com.au. – Das Esplanade in Fremantle ist motelartig und praktisch. www.esplanadehotelfremantle.com.au, DZ ab ca. 200 Euro. – Stilvolles Refugium am Meer: Quay West Resort Bunker Bay. DZ ab ca. 225 Euro, www.mirvachotels.com. – Am verwunschen-schönen Lake Beedelup bei Pemberton liegt das Karri Valley Resort – fabelhaft romantisch. DZ ab ca. 160 Euro, www.karrivalleyresort.com.au. – The Rocks in Albany ist ein persönlich geführtes B & B mit riesigen Zimmern und Blick aufs Meer. DZ ab ca. 280 Euro, therocksalbany.com.au.

www.westernaustralia.com

Foto: Emma Lagies



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