Yogaga! (3.)

Die good-stories.de-Yoga-Kolumne, Teil 3. Von Yogini. - Jacobo war einmal Koch. Das habe ich aus seinem Internet-Lebenslauf. Nicht in einem früheren Leben, in seinem jetzigen; aber vermutlich kommt es ihm wie ein Leben aus einem anderen Jahrhundert vor. Kürzlich war ich bei einem anderen Yogalehrer zum Kennenlern-Gespräch. Erst schaute er mir tief in die Augen, dann schloss er die seinigen und lehnte sich bedächtlich-bedeutungsvoll in seinem herkömmlichen Schreibtischstuhl zurück. Gerade als ich nachprüfen wollte, ob er noch atmete, öffnete er die Augen wieder.

Mit sanfter Stimme sprach er: „Sie haben sieben bis acht Leben gehabt.“ Aha. Wenn Sie das für Blödsinn halten, haben wir schon etwas gemeinsam. Ich glaube durchaus, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, geben muss, die wir Menschen nicht durchschauen. Es müssen Fragen offenbleiben, das hält uns geistig wach und lebensfroh. Stellen Sie sich vor, alles auf diesem Planeten wäre beantwortet. Schreckliche Vorstellung! Ich schloss also meinerseits kurz die Augen und beschloss, meine Bedenken kurzerhand über Bord zu werfen und meinem Yogi jetzt erst einmal zu glauben. Vor allem wollte ich natürlich wissen, ob ich glücklich war in meinen früheren Erdendaseins, ob ich Mann, Kutsche und Kinder und schon mal in einem Schloß gelebt hatte. Ich erfuhr, dass ich schon in Schweden, Spanien, Portugal gelebt habe, eines der Leben davon teilweise in einem Schloß, allerdings auf dem karitativen Sektor, als Dienerin oder Krankenschwester, so genau konnte mein Yogi das nicht sagen. Er sagte, dafür müssten wir uns noch mal ausführlicher treffen und er sich länger auf meine Leben konzentrieren (das kostet dann extra, auch Yogis haben Lebenshaltungskosten). Vor seinem geistigen Auge, so erzählte er mir, sah er mich mit Tabletts mit viel Obst. Irgendwo da unten in Spanien.

Zurück zu Jacobo. Er unterrichtet in einem der unzähligen Yoga-Studios in Berlin-Mitte. Vermutlich war es ihm zwischen all den Töpfen und Pfannen irgendwann langweilig. Außerdem ist er eine kleine Plaudertasche. Sein Lächeln ließe Eisberge schmelzen, aber in Mitte sind ja alle cool. Und es gibt hier keine Eisberge. Jacobo kommt aus Venezuela, in seiner Internet-Vita steht, dass er im Alter von acht Jahren „erste Erfahrungen mit Yoga“ gemacht hat, was immer das im Detail heißen mag. Seine Ausbildung begann er 2005 und das unterscheidet ihn deutlich von den meisten anderen Yogalehrern, denn es bedeutet, dass er nicht zu jenen Yoga-Jüngern gehört, bei denen man das Gefühl hat, dass sie schon ihr achtes Leben als Yogi verbringen und eigentlich nur aus Nächstenliebe ein paar Details preisgeben.  Für ein kleines Entgelt natürlich. Jacobo preist die Freuden, Anfänger zu unterrichten: „Jede Bewegung ist neu, es gibt viele Überraschungen.“ Für ihn vermutlich nicht, aber für die Neuen stimmt das natürlich.  Yogis und Yoginis, die am Anfang stehen, wundern sich häufig, was ihr Körper alles mit sich machen lässt. Bei Jacobo erfährt man zwar im „Absolute Beginners-Kurs“ – wie bei den meisten Anfänger-Kursen und das ist schon ein wenig ungewöhnlich- nichts über die Grundlagen des Yoga, aber er hat viele wirklich gute Anfänger-Tipps. Zeigefinger aufdrücken, beim Erden an vier Seiten der Fußsohlen denken, eines Tages wird das den Praktizierenden in Fleisch und Blut übergehen, aber anfangs ist es gut, dass er oft daran erinnert. Kein Pseudo-Esoterik-Gelabere. Seine sanfte Freundlichkeit ist eine Oase der Erholung im grimmig-grauen Berliner Alltag.

Es gibt Lehrer, da möchte man schon nach drei Minuten den Kurs verlassen (einige tun es auch). Es sind jene, die ihren Beruf in Oberlehrer-Manier ausführen und die armen Schüler merken lassen, dass sie völlig untalentiert sind, weil sie die Asana (Übung) namens Heuschrecke noch immer nicht beherrschen. Ist ja wirklich nicht so schwierig, vor allem, wenn man seit drei Jahren übt. Diese Lehrkörper sagen zwar gönnerhaft: „Nicht schlimm, hab’ Geduld“, aber in ihren Augen steht Verachtung und man möchte sofort unter seiner Yogamatte verschwinden, für immer. Ja, diese Lehrer gibt es auch. Leider. Und wer seine erste Stunde bei so einem Ausbilder hat, ist vermutlich für immer verloren. Ich habe vor Jahren ausgiebig Yoga gemacht, dann eine jahrelange Pause eingelegt und Yoga vor zwei Jahren wiederentdeckt. Danach habe ich eine monatelange Schock-Pause absolviert. In einem dieser supermegaschicken Wellness-Sport-Studios, ebenfalls in Berlin-Mitte, hatte ich mich eines Samstagmorgens frohgemut und spontan für die Yoga-Klasse entschieden. Da das Studio nicht für seine Sauberkeit berühmt ist, behielt ich aus Sicherheitsgründen die Socken an, was keine besonders gute Idee war, aber ich habe Horror vor Fußpilz und sobald ich auf dem Holzboden eines Yogastudios mehr als sieben Wollmäuse erblicke, gehe ich davon aus, dass man es mit dem Putzen nicht so genau nimmt und meide auch die sanitären Anlagen (zu Duschen in Yogastudios kommen wir ein andermal). Dazu kam, dass die Leihmatten so gut wie nie gereinigt wurden, aber ich beschloss, tapfer auszuharren und anstatt an die mögliche Herkunft der Flecken auf den Matten an etwas Schönes zu denken. Der „herabschauende Hund“ erfordert Standhaftigkeit und ich rutschte mit meinen Socken erwartungsgemäß auf dem Holzboden aus. Die Yoga-Lehrerin- sie hatte vor Beginn der Stunde, wie sie sagte, „zur Entspannung“, eine Duftkerze angezündet- schoss wie ein Wachhund auf mich zu, herrschte mich an, gefälligst die Socken auszuziehen:“ Das geht ja gar nicht!“ Für uns beide reichte der Entspannungsradius der Duftkerze offenbar nicht aus. Ich verließ den Yogaraum im Schockzustand und habe ihn nie wieder betreten.

Ich bin dafür, dass mehr Köche ihre berufliche Situation überdenken und Yogalehrer werden!



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