Wie im Kindergarten

Von Silvia Meixner. – Überall Schilder mit der Aufschrift „Premium“. Ist das ein Scherz? Ich suche doch nur den FDP-Parteitag. Premium ist bei der FDP derzeit nichts. Die Schilder gehören auch nicht zum Parteitag, sie sind von einer Modemesse, die auch hier stattfindet. „Die Station“, eine alte Posthalle in Berlin ist unwirtlich, riesig und fast ohne Tageslicht. Ein guter Ort, um Bilanz zu ziehen. Party war gestern. Heute ist Aufräumen angesagt. „Das ist ja schrecklich hier! Das wird uns hinterher wieder um die Ohren fliegen“, prophezeit eine Besucherin der Damentoilette entsetzt. Die Delegierten und Gäste sitzen unter viereckigen Neonlichtquellen. So müssen sich Hühner oder Kühe fühlen, die binnen kurzer Zeit ihr Schlachtgewicht erreichen müssen.

Bei der FDP ist das große Schlachten vorbei – seit heute.  Heute wird Abschied genommen. Rösler geht und als er seine Rede beginnt, wird es mucksmäuschenstill. „Mir ist es nicht gelungen, unsere Partei zu motivieren.“ Das kann man so sagen. Rösler weiter: „Wir müssen uns eingestehen, dass es nicht gelungen ist, die Menschen von unseren Themen zu überzeugen. Die Frage, woran es gelegen hat, dass wir zum ersten Mal nicht im Deutschen Bundestag vertreten sind, ist gerechtfertigt.“ Ernste Gesichter bei den 600 Delegierten und den Gästen und Ehrengästen.  Rösler wirft ein bisschen Hoffnung in den Raum: „Wir werden gebraucht als freie demokratische Partei. Was ist das für ein politisches Bild, wenn in der Opposition nur noch Grüne und Linke sind? Wenn die einzige scharfe Rede von Gregor Gysi kommt? Es ist nicht mehr ironisch, sondern zynisch, wenn die Linkspartei sich gegen das Abhören stellt.“ In der Tat. Aber so sieht sie aus, die Zukunft im Bundestag. Rösler übernimmt Schuld am Desaster, aber es ist ein bisschen wie im Kindergarten, wo die Kinder zugeben, Mist gebaut zu haben, aber sofort anfügen: „Die anderen waren aber auch nicht brav.“  Rösler beklagt, dass er sich mehr Unterstützung im Team gewünscht hätte. Dann erzählt er eine seltsame, hypothetische Geschichte, die Ratlosigkeit in die Gesichter der Anwesenden zaubert. Sie geht in etwa so: Es spricht sich herum, dass Rösler in der Friedrichstraße einkaufen gehen möchte, aber es wird schnell ein Gerücht daraus, dass er es nackt tun möchte. Dann versucht er, das Missverständnis aufzuklären und jetzt schlagen wieder die bösen Medien zu: „Es würde geschrieben werden, so jung und unverbraucht ist er gar nicht, er traut sich gar nicht, nackt über die Friedrichstraße zu laufen.“ Kein Mensch versteht diese wirre Botschaft. Rösler verabschiedet sich: „Es war mir eine Ehre, Ihr Vorsitzender zu sein.“ Standing Ovations. Alle hoffen still, dass er nicht nackt über die Friedrichstraße laufen wird. Alle hoffen, dass dieser Tag den Neuanfang bringt. Da würde ein nackter Politiker wieder alles kaputt machen. Großaufnahme Rösler auf den Bildschirmen über dem Rednerpult, kurzer Händedruck mit Brüderle. Rührung im Saal. Keine Tränen.

Danach kommt Rainer Brüderle dran. Auch er serviert die Kindergarten-Nummer. Ja, ich bin schuld, aber die anderen auch! Er beginnt seine Rede ungewohnt zögerlich, erreicht aber binnen weniger Minuten seine gewohnte Betriebstemperatur:  „Ich bin seit 40 Jahren in der FDP, 2013 war für mich persönlich das bitterste Jahr. Ich konnte meinen Auftrag als Spitzenkandidat nicht erfüllen. Die Zweitstimmenkampagne war ein Fehler, dazu stehe ich.“ Aber die anderen, die sind auch schuld! Medien und Öffentlichkeit sind immer gute Täter, da finden sich garantiert viele Enttäuschte, die in den Chor mit einsteigen. „Es gab in Teilen der Öffentlichkeit geradezu eine Vernichtungssehnsucht gegen uns, auch gegen mich persönlich. Durchstechereien und Indiskretionen haben dem einzelnen nicht genutzt, sondern gesamt geschadet. Den Scherbenhaufen können wir jetzt besichtigen.“ Und dann gibt’s noch eins mit auf den Weg: „Die FDP wird als politische Kraft gebraucht und nicht als Selbsterfahrungsgruppe.“

Seltsam kuschelweich ist die Berichterstattung über den Sonder-Parteitag. Spiegel Online schreibt: „Alte FDP-Spitze verabschiedet sich mit viel Selbstkritik“. Gähn. Das war alles schon mal viel, viel hämischer. „Christian Lindner zum FDP-Parteichef gewählt“, liest man auf Tagesspiegel online. Mit 79,04 Prozent der Stimmen. „Rösler beklag fehlenden Rückhalt“, titelt FAZ online. Die Kübel der Häme scheinen leer zu sein. Die einzige Häme kommt heute von der FDP. Auch die SPD hat die Halle gemietet. „In einer Woche stehen hier zwei Hochleistungsschlitzmaschinen der SPD“, sagt Patrick Döring süffisant. Dann wird der Mitgliederentscheid ausgewertet. In der FDP sollen dann die letzten Tränen getrocknet sein. „Die Zeit der Trauerarbeit ist zu Ende“, hat Christian Lindner gesagt. Jetzt geht’s an die Arbeit. Hoffentlich lässt Philipp Rösler das mit der Friedrichstraße.



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