Wind über der Frischwiese

Von Silvia Meixner. – 185.328 glückliche Idioten, vom Wind durchgepustet. Sie haben gewonnen. Die Idiotie hat die Vernunft besiegt. Das ist Demokratie, leider. Seit Monaten frage ich mich, was Menschen in einer Stadt, die unter stetig steigender Wohnungsknappheit leidet, dazu bewegt, ein ehemaliges Flugfeld für Tomatenzucht, Skilanglauf und Kitesurfen zu besetzen. Und warum ein politisch vernünftiger Vorschlag, nämlich eine Randbebauung mit 4700 Wohnungen, so vehement verbittert-verbiestert abgelehnt wird. Wo doch auch nach den Bauarbeiten für alle noch mehr als genug Platz zum Gassigehen, Promenieren und Skateboarden bleibt. 230 Hektar, eine Fläche, die größer als der Berliner Tiergarten ist, sollen der Erholung dienen. Ich finde, da kann man als Berliner Bürger wirklich nicht meckern.

Die Bürgerinitiative „100 Prozent Tempelhofer Feld“, die ein überflüssiges Volksbegehren initiiert und nunmehr die für einen Volksentscheid erforderlichen Stimmen eingesammelt hat, hat ein sehr skurriles Argument ins Feld geführt: die „Eigenart und Schönheit dieser Landschaft“ müsse geschützt werden. Auf der Webseite wird von „erhaltenswertem Ökosystem“ gefaselt, ohne überzeugende Details zu liefern. Trockenrasen und Frischwiesen soll es da geben, ich hatte bei meinen Besuchen allerdings nicht den Eindruck, dass die Besucher das zu schätzen wissen. Wie alle Spaziergänger lief auch ich über den Trockenrasen – oder war es eine Frischwiese? – und musste aufpassen, nicht von Kitesurfern oder Radfahrern umgemäht zu werden (Ich fahre auch gern Fahrrad, auf soziale Art und Weise!). Was mit „Eigenart und Schönheit der Landschaft“ gemeint sein könnte, ist bei einem ehemaligen Flugfeld wirklich schwierig zu beantworten. Zumindest werden derzeit die durch den jahrzehntelangen Flugverkehr kontaminierten Erdzonen derzeit beseitigt, das wird die Turmfalken, die dort angeblich nisten, freuen und wird von mir ausdrücklich unterstützt.

Darüber hinaus fällt mir nur dies ein: Ein Flugfeld ist ein Flugfeld ist ein Flugfeld. Schöne Landschaften sind die Dünen Sylts, die Berge Bayerns, die Seen Brandenburgs. „Wir wollen uns vom Wind durchpusten lassen“, fordern die Mitglieder der Bürgerinitiative. Da bin ich sehr dafür- vor allem die Gehirne gehören offensichtlich einmal gründlich durchgepustet.

Der ehemalige Flughafen Tempelhof ist vor allem weit und kahl. Ideal zum Drachensteigen, weil kein Kind weinen muss – hier ist genug Platz für alle, keine Leine verhakt sich mit der des Nachbarn. Aber der Preis fürs weite Vergnügen ist angesichts der Entwicklung des Berliner Immobilienmarktes dann doch ein wenig hoch. Ich wünsche allen, die unterschrieben haben, noch viele schöne Lebensjahre in ihren pompösen Villen mit Trockenrasen und Frischwiesen, freundlichen Gärtnern und dass sie niemals in die Verlegenheit geraten, in eine Prekariats-Mietwohnung ziehen zu müssen. Wir sehen uns wieder bei der nächsten Gentrifizierungsdebatte! Darauf einen Tomatensaft, selbst gezogen, geerntet und liebevoll von Hand gepresst.

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