Mrs. Mortimer, Reisemuffel

Von good-stories.de/red. – Der Mensch schmiedet gern Reisepläne. Allerdings sollten Sie sich vor Lissabon hüten, vor China, Russland, Indien und Schweden sowieso. Woher wir das wissen? Von Favell Lee Mortimer, sie schrieb das ulkige Buch „Die scheußlichsten Länder der Welt“.

Normalerweise sind Reiseführer darauf ausgerichtet, reisewilligen Menschen Lust auf fremde Länder zu machen. Die Buchautorin Favell Lee Mortimer (1802-1878) war da offensichtlich ganz anderer Meinung. Eines Tages entschloss sich die erfolgreiche britische Kinderbuchautorin, ein Reisewerk der besonderen Art zu verfassen: Sie wollte Menschen mit Fernweh davor warnen, ihr Sofa zu verlassen. Ihre Länderbeschreibungen von Italien bis Russland lesen sich so, dass man dann am Ende auch am liebsten zu Hause bleibt. Home, sweet home.  Gesehen hat die Britin keines der von ihr beschriebenen Länder, ihr Wissen bezog sie aus Büchern aller Art. Und Optimistin scheint sie auch keine gewesen zu sein, denn mit Vorliebe reimte sie sich aus dem Gelesenen kleine Horrorgeschichten zusammen. Der amerikanische  Journalist Todd Pruzan entdeckte ihr Büchlein eher zufällig an einem heißen Augustnachmittag in einem Antiquariat, war fasziniert und verschaffte der Autorin neuen Ruhm. Hier sind Favells Urteile vom Wohnzimmer aus:

Portugal: „…obwohl die Portugiesen so träge sind wie die Spanier, sind sie nicht so ernst und traurig und still. Sie sind stolz wie die Spanier, aber auch hinterlistiger…niemand in ganz Europa ist so tollpatschig und unbeholfen mit seinen Händen wie der Portugiese. Es ist schon seltsam mit anzusehen, wie schlecht die Zimmerleute Kisten zimmern und die Schmiede Schlüssel fertigen. ..Manche Orte sehen aus der Entfernung hübsch aus, entpuppen sich aus der Nähe aber sehr hässlich- ein solcher Ort ist Lissabon. ..“ Favell Lee Mortimer war nie in Portugal, wusste aber trotzdem, dass die „Straßen voller Unrat und Müll“ sind und daß man „an jeder Straßenseite auf Rudel dreckiger Hunde stößt“.

Für russische Männer hatte die selbsternannte Reiseexpertin nur wenig übrig: „Die Männer lassen ihr Haar lang wachsen, und wenn sie bei der Arbeit sind, binden sie es zusammen, damit es ihnen nicht in die Augen fällt.“ Die russischen Frauen kommen bei ihr auch nicht gut weg: „Sie ziehen sich sehr unvorteilhaft an. Ihre Kleider hängen einfach an ihnen herunter, ohne Bund in der Taille…“ Der Zar „tut, was ihm gefällt. Oft bestraft er die Menschen, ohne ihnen zu sagen, wofür.“ Im Winter, so die gute Favell, eilten die Menschen in Petersburg „so schnell durch die Straßen, dass man glauben könnte, sie rennen um ihr Leben; und so ist es auch, denn blieben sie stehen, würden sie erfrieren.“

Roher Lachs ist „Lachs, der überhaupt nicht gekocht worden ist“, und den lieben die komischen Schweden. „Sogar die armen Leute nehmen fünf Mahlzeiten am Tag zu sich.“ Weiter im Text: „Es gibt kein anderes Land, in dem so viele Menschen ins Gefängnis geworfen werden.“ Auch die Essensgewohnheiten der Chinesen gefallen der Britin nicht: „Man hält jegliches Fleisch für verzehrbar, sogar ein Haschee aus Ratten- und Schlangenfleisch oder gehackte Regenwürmer. Katzen- und Hundefleisch werden genauso geschätzt wie Schweinefleisch und kosten auch genauso viel.“ Gut, dass Favell zu Hause in England blieb, denn: „Es ist ganz gewöhnlich, auf den Straßen über die Leichen von Babys zu stolpern. In England wird es als Mord betrachtet, wenn man ein Baby tötet, aber in China hält man das nicht für ein Vergehen.“

Hindustan gehörte den Engländern, die Indien aus ihrer Sicht „Stück für Stück erobert haben“.  Über die „Hindufrau“ meint die Autorin: „Es ist ein Elend, eine Hindufrau zu sein. Solange sie noch ein kleines Mädchen ist, darf sie spielen, aber wenn sie zehn oder zwölf Jahre alt ist, wird sie in den Hinterzimmern ihres Hauses eingesperrt, bis sie verheiratet ist; und wenn sie verheiratet ist, wird sie wieder eingesperrt. Sie darf vielleicht im Garten hinterm Haus spazieren gehen, aber sonst darf sie nirgendwo hin.“

Wenig Humor, viel Phantasie- so schrieb die gute Favell ihr Buch (Favell Lee Mortimer, Todd Pruzan „Die scheußlichsten Länder der Welt – Mrs. Mortimers übellauniger Reiseführer“, Verlag Piper, 244 Seiten, 8,95 Euro). Wir sagen: Lesen und trotzdem verreisen!

P.S.:  Ihr Neffe Edwyn Bevan beschrieb sie im Jahr  1933 in einem Artikel der Londoner „Times“ so: „ Als Ganzes kann man ihr Leben kaum glücklich nennen.“ Ja, sie hatte wirklich ulkige Ideen. So versuchte sie, einem Esel das Schwimmen beizubringen und grub ein unschuldiges Lamm in Sand ein- sie wollte sein Fell trocknen. Aber darüber hinaus war Favell bestimmt nett!

Foto: Wikipedia



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