Gegen alles.

Von Silvia Meixner. – Vor Berlins fleißigen Gärtnern ist nicht sicher: alte Schuhe, Handtaschen, Badewannen- alles wird mit Erde gefüllt, auf dass es blühe, blühe, blühe! Der Berliner gärtnern seit einigen Jahren gern überall, jede kleine öffentliche Fläche wird genutzt- und das ist auch gut so. So lange es sich um eine Zwischennutzung handelt, ist dagegen nichts einzuwenden. Ich begrüße jedes Pflänzchen, jedes zarte Grün, das versucht, sich in der Hauptstadt tapfer zwischen Hundehaufen zu behaupten.

 In Berlin allerdings regiert Klaus Wowereit nicht (mehr) und die Einstellung, dass der erste vor Ort mit der Pflanzung der ersten Tomatenstaude quasi ein lebenslanges Besitzrecht auf das Fleckchen Erde beansprucht. Manchmal hilft es, sich Dinge vor Ort anzusehen. Ich bin also hin geradelt, umweltbewusst und nachhaltig, und da ich nicht genau wusste, wo der Parkeingang ist, habe ich irrtümlich den falschen Eingang genommen und bin auf dem ehemaligen Flugfeld Tempelhof gelandet. Ja, hier ist Freiheit! Endlich Platz zum Radfahren! Aber natürlich streng verboten, weshalb ich das Flugfeld ordnungsgemäß wieder verlassen habe.

Der Park ist seit 2010 gleich nebenan. Nirgendwo sonst auf der Welt würde so eine Fläche als Park durchgehen. Kein Rosenstrauch verwirrt die Sinne, kein Teich sorgt für Idylle, keine Linden, nirgendwo. Flugfeldfeeling. Beton und Wiese, die obligatorische Berliner „Grillzone“, alles getauft auf „Tempelhofer Freiheit“. Eine Brache mit beeindruckender Geschichte, das macht ihren Zauber aus.

Am Sonntag ist Volksabstimmung, für oder gegen Bebauung, dazwischen gibt es nichts. Während die einen den Hass auf die bösen Immobilienhaie schüren, wünschen sich andere in einer Stadt, in der bezahlbarer Wohnraum immer knapper wird, ein paar Häuser. Keine Vollbebauung des Flugfeldes. Randbebauung, nicht mittendrin. Die Volksseelen kochen und das Problem versteht man erst, wenn man vor Ort ist: Wo liegt eigentlich das Problem?

Wenn der Senat seine Pläne verwirklicht, bleibt den Berliner Grünfreunden, Radfahrern, Kitesurfern, Grillern, Joggern, Spaziergängern immer noch eine Fläche so groß wie Monaco. Erzählen Sie das einmal jemandem in Hongkong oder Shanghai. Aber hier ist Berlin: Hier böse Häuser, da gute Tomaten. Ich bin auch für Tomaten. Und Häuser. Wenn noch lange gestritten wird, fordere ich die ganz große Freiheit: Macht Tempelhof wieder zum Flughafen! Mit BER wird das sowieso nichts. Sind noch Tomaten da? Noch mehr gute Geschichten finden Sie auf: www.achgut.com

Foto: Silvia Meixner

 

 



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