Trinkgeldpulli-Metropole

Von Silvia Meixner.Ein heißer Sommer. Zu heiß vielleicht. Die Menschen drehen durch. Es gibt einige Leichen und viel Ärger. Und eine Achterbahnfahrt durch Klischees. Die Kellnerin trägt Trinkgeldpulli. Mit Einblicken, die den Rubel rollen lassen sollen. Eberhard Dahlberg hat keine Zeit für modischen Firlefanz. Er ermittelt, unterstützt von Kollegen aller Art und menschlicher Probleme, im Mordfall Tiefenbrock. Auch Dahlberg hat viele Probleme, darunter eines mit dem Alkohol, aber das fällt in Berlin nicht groß auf. Die erste Leiche ist die von Oswald Tiefenbrock, der reiche Immobilienunternehmer haucht sein Leben stilecht in einem Luxushotel aus. Leider nicht freiwillig. Und dann geht’s los mit der turbulenten Suche nach dem Täter, die Ermittlungen sind heikel, da im Luxushotel regelmäßig diskrete Herrenabende stattfanden. Zuerst sprach man über lukrative Geschäfte, dann gesellten sich elegante Frauen dazu, die die erschöpften Geschäftsmänner gegen Geld verwöhnten. Das lesen die Herren der Gesellschaft hinterher nicht gern in der Zeitung, schon war nicht, wenn es einen Toten gibt.

Die Witwe Tiefenbrocks ist irgendwie seltsam, aber das kann auch der Schock sein. Sie hat ihr Kind verloren, es starb mit nur zwei Jahren. Jetzt will sie nur noch weg aus diesem mörderischen Berlin, in dem die Mordshitze ihr den letzten Lebensmut raubt. Reihum manipulieren Menschen einander, Dahlberg und seine Truppe versuchen, alles zu entwirren – zack! – da stirbt schon wieder jemand. In heißen Sommern muss man höllisch aufpassen, da werden Mordopfer schnell mal mit Herz-Kreislaufpatienten verwechselt und der Hygiene wegen schnell begraben. Gut für die Mörder, schlecht für die Gerechtigkeit.
Der Mordfall Tiefenbrock weckt viele Fragen. Warum wird die Hotelwäsche in Polen gewaschen, was passt eigentlich noch so in LKWs, die saubere Wäsche transportieren sollen, ist Kunstschmuggel der Schlüssel zur Lösung des Falles, wie viele schräge Immobiliendeals sind nach der Wende in Ost und West geschlossen worden und wie kommen Drogen in den Privatbesitz eines Polizisten? Nicht zu unterschätzen sind auch alte Lieben, die jahrzehntelang weiterköcheln und von der Hitze des Sommers aus dem Dornröschenschlaf geküsst werden. Der Krimi „Die Sonne über Berlin- Mordshitze“ (Verlag Martini & Loersch, 220 Seiten, 16,50 Euro) ist Carla Kalkbrenners erster Kriminalroman. Sie führt darin rasant durch Berlin, durchs elegante- ja, auch das gibt es!- und durchs Milieu. Herrliche Beschreibungen der oft aussichtslosen Lage: „Jo und Claudia sahen Madeleine beim Nachdenken zu. ‚Mittwoch, Donnerstag, keene Ahnung.“ Oder: „Langsam kam Dahlberg sich vor wie einer, der Seifenblasen für Bälle hält, mit denen er Tore schießen kann.“ Dahlberg weiß, dass das nicht geht, aber er probiert es trotzdem.
Oswald Tiefenbrock war reich, aber das Glück wohnte nicht in seiner Villa. Im Hitzesommer wird das Wasser in Berlin rationiert, die Gärten dürfen nur noch eine Stunde pro Tag gewässert werden, nachts zwischen zwei und drei Uhr. Die Blumen haben Durst, die Menschen ebenso. Und auch der Tod scheint gierig in diesen Tagen. Die Hitze ist erbarmungslos, da trinkt auch ein Kriminaler wie Dahlberg mal einen über den Durst. Er kann deshalb nicht zum Dienst erscheinen, aber einem wie ihm verzeiht man das. Dem Mörder wird hingegen nicht verziehen. „Mordshitze“ ist ein rasanter, amüsanter Krimi und hinterher ist man froh, wenn man weder in der Immobilien- noch in der Pizzabranche arbeitet. Alles ziemlich ungesund. Mal sehen, wie dieser Sommer in Berlin wird.


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