Helft den Jesiden

Von Silvia Meixner. – Dies ist eine Geschichte, die von guten Menschen erzählt – und es kann eine noch bessere werden, wenn noch mehr Menschen mithelfen, die Jesiden zu retten. Der IS hat im nordirakischen Sindschar-Gebirge gerade tausende Jesiden eingekreist – es sind rund 10.000 Menschen, die ihre Farmen nicht verlassen wollen. Die IS setzt auf Zeit: Wenn der Winter kommt, droht den Mitgliedern der religiösen Minderheit mit hoher Wahrscheinlichkeit der Erfrierungstod. Und wen interessiert das in Deutschland? Leider fast niemanden. Martin Kranz, ein Unternehmer aus Weimar, er ist geschäftsführender Gesellschafter der kulturdienst: GmbH, hat beschlossen, das Elend der Jesiden nicht länger auszublenden. Er ist Koordinator der „Privaten Humanitären Flüchtlingsthilfe Nordirak” und hofft, dass nun endlich auch die deutschen Politiker aufwachen- lesen Sie hier ein Interview mit ihm.

Ein Unternehmer aus Weimar hilft verfolgten Jesiden – wie kam es dazu?

 

Martin Kranz: Ich saß am 27. August diesen Jahres mit Freunden bei einem Kaffee und sie haben mir vom Schicksal ihres Volkes im Nordirak berichtet. Es sind Jesiden und sie werden aktuell in der Kriegsregion faktisch abgeschlachtet. Es ist ein Völkermord sondergleichen. Die IS-Terroristen haben ganze jesidische und christliche Dörfer ausgerottet. Als ich vom unsagbaren Leid hunderttausender Flüchtlinge hörte, habe ich mich spontan zu einer Hilfsaktion in Weimar und Thüringen entschlossen. Mit Hilfe der Thüringer Jesiden konnten wir durch einen großen Presseaufruf an nur einem Tag 40 Tonnen Hilfsgüter (Kleidung, Decken, Matratzen, Rollstühle, Gehilfen etc.) sammeln. Das sind knapp 2.000 Umzugskartons voll Hilfsgüter. Das ist ein großer Erfolg und er demonstriert die Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölkerung. Der in Köln lebende jesidische Unternehmer Achmad Bakir hat schon zwei große Hilfskonvois in den Nordirak organisiert und brachte auch unsere Hilfsgüter direkt zu den Flüchtlingen. Es war ein langer und beschwerlicher Weg. Die türkischen Behörden haben über zwei Wochen knapp 100 LKWs mit Hilfsgütern an der Grenze zum Nordirak aufgehalten, ein Unding.

Mit der Unterstützung von Bundesentwicklungsminister Müller und Verteidigungsministerin von der Leyen konnten alle Hilfstransporte innerhalb von 30 Stunden die Grenze passieren. Mittlerweile versuche ich, die Jesiden in Deutschland bei ihren Hilfstransporten in die Krisenregion zu unterstützen.

 

Wie ist die Lage der Jesiden derzeit? Wie viele befinden sich auf der Flucht? Es kursieren diesbezüglich sehr unterschiedliche Zahlen, welche halten Sie für zuverlässig?

 

Martin Kranz: Die Lage der religiösen Minderheiten in der Region wird immer dramatischer. Keiner kennt genaue Zahlen, weder von Füchtlingen noch von bisher Getöteten. Es sind auf jeden Fall hunderttausende Menschen auf der Flucht und Tausende ermordet worden. Die jesidischen Dörfer in Syrien sind komplett entvölkert, tausende Flüchtlinge leben ohne jegliche Unterstützung in den Bergen der Shingal-Region. In diesem Hochgebirge an der Grenze zwischen Irak und Syrien wird in kurzer Zeit Schnee liegen und die Menschen haben kein Dach über dem Kopf. Sie mussten abrupt vor dem IS fliehen und hatten nur ihre Kleidung am Leib. Es fehlt an Nahrungsmitteln, Medikamenten, Decken, warmer Kleidung – es fehlt an allem.

 

Wie sieht die Gefahr, die vom IS ausgeht, konkret aus? Wie erfolgreich sind Bürgerwehren?

Martin Kranz: Ich habe gerade wieder aktuelle Berichte aus der Region von jesidischen Kämpfern erhalten. Die IS-Milizen dringen immer tiefer in die Region ein und versuchen, die jesidischen Heiligtümer im Lalisch-Tal zu zerstören. Das konnten die jesidischen Verteidigungsbrigaden um Qasim Shesho bisher verhindern, doch die Jesiden sind dem IS waffentechnisch und von der Anzahl absolut unterlegen. Sie haben kaum Waffen und kämpfen um ihr Leben und das Leben ihres Volkes. Wenn sie nicht zeitnah Unterstützung erhalten, werden sie die Region an den IS verlieren und sterben. 

 

Der Winter naht- was bedeutet das für jene Jesiden, die auf der Flucht vor dem IS sind?

Martin Kranz: Der nahende Winter ist für die Flüchtlinge lebensgefährlich. Wenn es nicht in Kürze gelingt, durch internationale Hilfe Wohncontainer in den Flüchtlingsregionen aufzustellen, werden tausende Menschen einfach erfrieren.

 

Warum hört man in dieser lebensbedrohlichen Situation einer religiösen Minderheit nichts vom Mir von Schaichan, dem religiösen Oberhaupt der Jesiden?

Martin Kranz: Das habe ich mich auch schon gefragt und kann die Frage nicht beantworten.

 

Was unternimmt der im Jahr 2007 gegründete Zentralrat der Jesiden in Deutschland in dieser Situation?

Martin Kranz: Da wir politisch und institutionell unabhängig agieren, gibt es kaum Kontakt zum Zentralrat der Jesiden in Deutschland. Ich gehe davon aus, das sie sich auch für ihr Volk in der Region engagieren.

 

Wie ist die Position der deutschen Regierung – plant sie konkret Hilfe für die Jesiden?

Martin Kranz: Meiner Meinung nach haben viele bundesdeutsche Politiker noch nicht verstanden, welches Ausmass die Verfolgung der Jesiden und Christen durch den IS angenommen hat. Die komplette Ausrottung der jesidischen Religionsgemeinschaft in der Großregion ist erklärtes Ziel des IS. Es bedarf dringend internationaler Schutzzonen für die Flüchtlinge in der Region und dabei spielt Deutschland eine wichtige Rolle. Die Bundespolitik muss sich internatioanl dafür stark machen und mit gutem Beispiel vorangehen. Das THW und DRK könnten gemeinsam im Nordirak Containerstandorte einrichten und die Flüchtlinge versorgen. 

 

Wer unterstützt Sie und Ihre Mitstreiter bei Ihren Aktionen? Finden Sie, dass diese Hilfe ausreicht?

Martin Kranz: Die privaten Hilfstransporte werden vor allem durch deutsche und europäische Jesiden organisiert und finanziert. Bisher gibt es keinerlei institutionelle Unterstützung. Der jesidische Unternehmer Achmad Bakir koordiniert die Transporte in die Region und über das Yezidische Forum in Minden, der Vorsitzende ist Samir Khalaf, werden die Spendengelder verwaltet. Wir haben eine nationale Hilfskampagne wie folgt konzipiert: Ein Hilfstransport umfasst einen LKW mit 40 Tonnen, dafür braucht man 2.000 Umzugskartons, eine Halle/Lager oder Schule zum Sammeln der Hilfsgüter, 5.500 Euro für Spedition und Zoll. Jeder Hilfstransport wird durch die Jesiden direkt in die Krisenregion und bis zu den Hilfsbedürftigen begleitet. Am 18. Oktober führt Omid Nouripour, außenpolitischer Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion, eine solche Hilfsaktion in Frankfurt/Main durch. Darüber hinaus werden wir im Bereich Presse/Öffentlichkeitsarbeit von der jesidischen Journalistin Düzen Tekkal unterstützt (sie hat mehrfach für Stern TV, Spiegel TV und RTL aus der Region berichtet). Ich wünsche mir ein größeres Engagement der Bundesrepublik bei der humanitären Flüchtlingshilfe in der Krisenregion.

 

 

Wie viele Jesiden leben eigentlich in Deutschland? Sie leben sehr zurückgezogen- woran liegt das? In den vergangenen Jahren kamen sie hauptsächlich mit Problemen wie Ehrenmord oder Zwangsehe in die Medien. Was macht darüber hinaus diese Religionsgemeinschaft aus?

Martin Kranz: Rund 60.000 Jesiden leben in Deutschland, es ist die größte Diaspora dieser Religionsgemeinaschaft in der Welt. Da die jesidische Glaubensgemeinschaft nicht missioniert (man kann Jeside nur durch Geburt werden), sind Jesiden eher zurückhaltend. Obwohl es bereits 75 Genozide an den Jesiden weltweit gab, haben sie bisher keine Stimme in der nationalen und internationalen Öffentlichkeit. Das muss sich ändern!

 



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