Tanzende Fußballer

Von Gisela Schütte.Fußball und verhängnisvolle deutsche Geschichte und Familiendrama, das Ganze auf der Bühne im großen Haus für Menschen, die einen beschwingten Abend erleben wollen – das passt doch einfach nicht zusammen. Gut, im Film von Sönke Wortmann hatte das 2003 zwar funktioniert, aber da gab es eben auch Platz genug für die Autofahrt vom Ruhrpott in die Schweiz zur Fußballweltmeisterschaft 1954, als die deutsche Mannschaft gegen alle Prognosen siegte. Und gesungen wurde auch nicht. Aber jetzt Fußball im Theater? Tore und Musik? Erinnerungen an Wencke Myhre kamen auf („Er steht im Tor.“) Die Fahrt zur Premiere des neuen Musicals „Wunder von Bern“ in Hamburg trat ich folglich eher skeptisch an, stets die Möglichkeit im Sinn, mich notfalls in der Pause zu verdrücken.

 

 

Zugegeben, ich bewunderte den Mut der Stage Entertainment, das Spektakel als neue Eigenproduktion auf die Bühne zu bringen. Zumal im neuen, 50 Millionen Euro teuren Theater an der Elbe, in dem es 1850 Plätze zu füllen gibt, mit der Konkurrenz gleich nebenan von Disneys König der Löwen. Nur mit deutschen Kreativen gingen die Macher an den Start, mit dem Regisseur Gil Mehmert, dem Komponisten Martin Lingnau und dem Liedtexter Frank Ramond. Wie lange das wohl läuft, dachte ich.

Die Geschichte rankt sich, wie der Wortmann-Film, um die Fußballweltmeisterschaft 1954, bei der die Spieler der jungen Bundesrepublik Deutschland gegen übermächtige Kontrahenten siegten. Drumherum ist zeittypische Familiengeschichte komponiert: Der neunjährige Matthias lebt mit seiner Mutter und den beiden größeren Geschwistern im Ruhrpott. Der Vater ist noch in Kriegsgefangenschaft. Die Mutter ernährt die Familie mit einer Kneipe, in der die Bergleute den Staub aus der Kehle spülen. Matthias verehrt der Fußballer Helmut Rahn, einen Mann mit viel Talent und begrenzter Disziplin. Für den Jungen ist er ein Held. Das Ganze damals ein Alltags-Familienschicksal.

Dann kehrt der Vater heim, so gar nicht heldenhaft, emotional versteinert durch die Gefangenschaft, ein Fremder für Frau und Kinder, die in neun Jahren nach Kriegsende gelernt haben, ohne ihn zurecht zu kommen. Konflikte sind zwangsläufig die Folge site. Der Vater reagiert mit Aggression und Härte, will von der Schwärmerei des jüngsten Kindes (Ist das überhaupt mein?) für den Kicker nichts wissen. Aus der Geschichte und dem Film wissen wir, dass dennoch alles gut ausgeht: Rahn schießt das entscheidende Weltmeistertor und Matthias und sein Vater finden über den Fußball zueinander. Das Wunder ist perfekt.

Auch auf der Bühne. Die Show fesselt schon mit den ersten Bildern, auch wenn kein Musical entstand, aus dem die Besucher singend und pfeifend nach Hause gehen. Hier gibt es nicht die Hits am laufenden Band, sondern die Musik umrahmt und stützt die Geschichte, lässt Fußballer tanzen und die Protagonisten ihr Schicksal besingen. Das alles passt haargenau zusammen, ist furios inszeniert. Die Kreativen bauten Bühnenarchitektur – das Haus der Familie, die Kneipe, den Bahnhof, an dem die Spätheimkehrer ankommen, das Hotel in der Schweiz und die Zechen unter Tage und öffneten das Ambiente durch Projektionen ins Unendliche: Da sieht man Ruß und Fördertürme, da fließt die Landstraße zur Schweiz entlang. Und der Höhepunkt ist das Weltmeisterschafts-Endspiel. Der nasse Rasen ist auf die Bühnen-Rückwand projiziert. Die Zuschauer sehen das Spiel aus der Vogelperspektive, die Darsteller hängen an Seilen und laufen mit bewundernswerter Körperbeherrschung über den Rasen. Der Ball schießt über den Platz und zieht Spuren in die Nässe. Das ist atemberaubend und führt zu Endspielatmosphäre im Theater.

Am Ende machen die Dinge, die scheinbar nicht zusammenpassen, die Faszination dieses Musicals aus: Das Nachkriegstrauma, die 50er Jahre-Spießigkeit, der Konflikt zwischen dem jungen Rock’n Roller und dem gescheiterten Kriegshelden und der Triumph auf dem grünen Rasen. Das fügt sich zur grandiosen Schau mit Emotionen, aber ohne Rührseligkeit.

Kommt hinzu die Verpackung, die ebenfalls der Erwähnung wert ist: Das Theater ist sehr spacig in schönster Elblage mit Blick auf die Stadtsilhouette gelandet, eingebunden und im Inneren ausgestattet mit einer bemerkenswerten Ausstellung moderner Kunst, kuratiert von Janine van den Ende, der Gattin des Stage-Gründers und Eigentümers Joop van den Ende. Die Theaterbesucher begegnen modernen Klassikern von Niki de Saint Phalle oder Fernand Léger und einer Reihe von photographischen Auftragswerken des Niederländers Erwin Olaf. In Zusammenarbeit mit Janine van den Ende wurden dafür an markanten Orten der Hansestadt, auf der Reeperbahn und im alten Elbtunnel Szenen aus Musicals und deutscher Literatur komponiert, wie auf einer Bühne. Beispiel: Die Blechtrommel trifft auf das Wunder von Bern, umschwirrt von 99 Luftballons.

 



Comments are closed.