Spinat und Smartphone

Von good-stories.de/red. - Kinder nerven. Sie stellen jahrelang zermürbende Fragen und kaum sind sie groß, werden sie aufmüpfig und verlassen wenig später das Haus. Zurück bleiben Mütter, die auch noch Fragen hätten an das liebe Leben. Zum Beispiel: „War das jetzt alles?“ oder „Habe ich in den vergangenen 18 Jahren viele Fehler gemacht?“ Auch wichtig: „Wo sind diese 18 Jahre eigentlich geblieben? Und wie viele meiner 28-53 Falten verdanke ich meinem Kind?“ Leider werden diese mütterspezifischen Fragen nicht beantwortet. Das wäre ja auch noch schöner, schließlich antwortet das Leben auch dem Rest der Bevölkerung stets nur unzureichend und häufig kommen die Antworten in Form von Ohrfeigen.

Zwei Mütter haben das beinahe unendliche Leid zwischen Spinat und Smartphone analysiert. Jahrelang! Nächtelang! Herausgekommen ist „Der Brei und das Nichts- Der völlig unterschätzte philosophische Alltag der Mütter“ (Verlag Droemer-Knaur, 224 Seiten, 9,99 Euro). Bei genauer Betrachtung sind Kinderfragen und ihre Weltanschauungen nämlich große Philosophie, haben Monika Bittl und Silke Neumayer erkannt. Erst kommt das Kind, dann der Brei, dann das Nichts- gefüllt mit Fragen. Und wofür die Stars der Branche wie zum Beispiel Sokrates oder Sartre Jahre oder Jahrzehnte brauchten, beantworten Kinder mit links.

Der amerikanische Philosoph Michael Sandel hat seine Marschrichtung so vorgegeben: „Philosophen sollten sich nicht als Menschen verstehen, die Fragen beantworten, sondern als solche, die Fragen stellen. Sokrates hat Fragen gestellt. Bei ihm kann man in die Lehre gehen. Manche denken sich den Philosophen als jemanden, der von oben herab nach unten Weisheiten verteilt. Aber das kehrt die eigentliche Rolle des Philosophen um.“ Und er hat erkannt: „Gute Fragen sind einfach. Sie stellen in Frage, was offensichtlich erscheint. Die Fragen der Kinder sind aus dem Grund gut, dass sie in ihrer Einfachheit auf Grundlegendes zielen. Die ausgeklügelten Fragen der Philosophie halten oft Abstand zum Grundlegenden.“

Mütter sind unglücklich, wenn sie an die kinderlose Kollegin denken, die im Sternerestaurant speist, während sie den Spinat von der Schulter oder vom Küchenboden wischen, steht in dem Brei-Buch. Und: „Nie, nie, nie hätte ich mit meinem Neid und Egoismus eine Familie gründen dürfen!“ Aber jetzt sind die lieben Kleinen da, jetzt ist es zu spät.

Simone de Beauvoir, eine der Begründerinnen der modernen feministischen Philosophie, stellte diese These auf: „Wir werden nicht als Frauen geboren, sondern dazu gemacht.“ Kinderlos konnte sie ohne Brei kochen und Windeln wechseln folgenden Schluss ziehen: „Mein wichtigstes Werk ist mein Leben“. Kein schlechter Ansatz, auch für Kinder (natürlich darf die Nächstenliebe dabei nicht unter die Räder kommen!).

Die Autorinnen nehmen humorvoll Denkansätze wichtiger Philosophen unter die Lupe und machen den Alltagscheck mit ihren Kindern. Ein Standardwerk für jedes mütterliche Nachtkästchen! Denn Mütter schlafen, wie wir alle wissen, sowieso nie. Schäfchenzählen war gestern, ich empfehle das Bittl-Neumayer-Buch. Und wenn gar nichts klappt, könnte man sich Jean-Jacques Rousseau zum Vorbild nehmen. Der hatte fünf Kinder und gab sie alle in ein Heim. Danach teilte er der Welt mit, dass der Mensch von Natur aus gut sei und erst durch Kultur, Vernunft und Gesellschaft verdorben werden. Wie seine Kinder das sahen, hat leider niemand gefragt.



Comments are closed.