Hilfe! Stadt trifft Land

Von Gisela Schütte. – Landei, Hinterwäldler, Dorftrottel, Bauerntrampel. So beschreiben Städter gern die Landbevölkerung. Im Gegenzug betrachten die Dörfler Städter oft als arrogant, aufgetakelt, ignorant und in Sachen Natur unterbelichtet. In der Touristensaison treffen sich Stadt und Land in unserem Dorf am Meer. Mit seltsamen, manchmal konfliktträchtigen und zuweilen komischen Aspekten. Denn Alltagsansichten und Lebensgewohnheiten von Städtern und Dörflern liegen zuweilen um Lichtjahre auseinander.

Ich schreibe aus Erfahrung. Den größten Teil meines Lebens wohnte ich in der Großstadt. Aber als Kind verbrachte ich viel Zeit auf dem Dorf – und immer wieder Wochen in Bergeinsamkeit. Vor zwei Jahren bin ich aus der Großstadt Hamburg aufs Dorf am Meer gezogen, ein paar Kilometer von der dänischen Grenze entfernt. Ich kenne also Glanz und Elend der Stadt und hoffte, dass mir das Landleben noch genau so gut gefallen würde wie in der Kinderzeit. Inzwischen hat sich mein Lebensrhythmus umgetaktet. Auf Dorf. Die Stadt sehe ich mit liebevoller Distanz, doch manchmal auch mit Unverständnis. Seither treibe ich meine Studien zum Thema Stadt und Land. Objekte sind die Nachbarn und die Touristen, die hier über eine lange Saison an- und abreisen. Und manchmal inspirieren mich auch die Besuche in der Hansestadt.

 

Ruhe gesucht, Streit gefunden

 

Thema Einkaufen. Die Ladenbesitzer in unserem Dorf sind natürlich hocherfreut, wenn die Touristen kommen, das erste Mal im Jahr in der Regel um die Ostertage. Das steigert die Umsätze erheblich, und die Öffnungszeiten werden wieder auf den Sonntag erweitert. Da freuen sich auch die Einheimischen. Doch mit der Gemütlichkeit ist es dann im Supermarkt zwischen Kühlregal und Kasse vorbei. Auf dem Dorf wird nämlich geschnackt. Man kennt sich und fragt nach Kind, Kegel, Hund und Huhn. Dann wird gemächlich eingepackt und es ist immer noch Zeit für einen dummen Spruch.

Nun kommen die Touristen. „Darf ich mal vor, ich hab’s eilig?“ „Geht das mal weiter da.“ „He, Sie haben sich vorgedrängelt.“ Und wenn Senioren etwas länger in der Geldbörse kramen, wird gemeckert: „Können die nicht noch eine Kasse aufmachen?“ So ist das nun einmal in der Stadt. Termine, Ladenschluss. Verpflichtungen. Da hat man keine Zeit für einen Schnack mit der Kassiererin. Und so bleibt das dann auch in den Ferien. So schnell schalten nur wenige auf Entspannung um.

Und auf dem Dorf? Da steht ein älterer Herr hinter der Kasse. Er wartet auf seine Frau. Er betrachtet das Geschiebe und wundert sich: „Was haben die denn, die sind doch im Urlaub. Worüber regen die sich auf.“

Es geht noch ungeduldiger. Die (ohnehin überschaubare) Schlange an der Supermarktkasse speist sich aus drei Regal-Gassen. Ich rücke einen Meter vor, damit sich eine Dame hinter mir nahtlos einfädeln kann. Schiebt da ein Herr (dachte ich zunächst wegen der gepflegten Klamotten im britischen Landadel-Stil) seinen Einkaufswegen mit Schwung um die Ecke der Dame in den Hackenporsche. Die schreit Aua, und der Mann fängt an zu pöbeln: „Sie haben sich vorgedrängt, ich war zuerst da.“ Die bepöbelte Dame ist konsterniert, eine andere sagt ganz ruhig: „Das stimmt nicht, Sie sind erst hinterher angekommen.“ Da rammt der Mann auch ihren Einkaufswagen, und die anderen Kunden starren den wütenden Rambo fassungslos an. Der pumpt sich auf: „Blöde Kuh, dämliche Ziege“ – zugegeben, dass passt zum Landleben. Die beiden Dorfdamen sind dennoch sprachlos. Der vermeintliche Herr ist jetzt erst richtig in Rage, er rammt immer wieder die Einkaufswagen der Frauen und einen Moment sieht es zu aus, als würde er der Dame mit dem Hackenporsche eine knallen. Vor mir an der Kasse steht eine Frau mit dem Kreuz eines Preisboxers und einer Höhe von etwa 1,90 Metern über dem Meeresspiegel. Sie mustert den Proleten im feinen Zwirn und sagt ein klaren, abgegrenzten Einzelwörtern: „Sie – Pause – kommen – Pause – nicht – Pause vor. Pause – klar?“ Dann bezahlt sie, lächelt die Kassiererin an, sagt schönen Tag und dreht sich nochmal um: „Ihnen wünsche ich einen schlechten Tag und Ihrer Frau einen guten Anwalt.“ Tolle Pointe. Ich hätte auch gern noch etwas Gemeines gesagt, aber der Mann war weg. Samt Einkaufswagen verschwunden.



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