Irland im Schritttempo…

Von Helge Denker. – Eine Woche, eine Pferdestärke: Im hölzernen, grünroten Wagen, dem “Horse Drawn Caravan” geht es im Schritttempo über die irische Insel, vorbei an grünen Wiesen, grauen Steinmauern, gemütlichen Dörfern und dem stillen See Loug Derg. Zugpferd “Misty” kennt den Weg – und besteht mit irischer Sturheit auf seinen Arbeitspausen.

Von Dublin geht es per Überland-Bus einmal quer über die grüne Insel an die Westküste, nach Galway und mit dem Taxi bis nach Loughrea. Ann nimmt die neuen Gäste im Cartron House in Ballinakill in Empfang. Larry, der Herr über die bunten Tinker-Wagen, zeigt uns Pferd und Wagen. Die sind etwa vier Meter lang, haben einen Gasherd und Platz für vier Personen. Gefahren wird auf einer festen ausgearbeiteten Route, die auf einer großen Karte genau eingezeichnet ist. Verfahren kann man sich nicht, kleine Wegweiser aus Holz stehen entlang der Strecke. Jeden Tag sind zwischen zehn und 15 Kilometer zu fahren, was bequem und ohne Hektik zu schaffen ist. Auch wer keine Erfahrung als Pferdewagenlenker hat, kommt mit Anschirren und Fahren ohne Probleme klar. Das Zugpferd ist lammfromm und lässt sich kinderleicht dirigieren.

Schritttempo, die Landschaft zieht wie in Zeitlupe vorbei, nur das Klappern der Hufe ist zu hören. Man kann locker absteigen und neben dem Wagen mitlaufen. Es macht viel Spaß, so entschleunigt zu reisen! Das liegt auch an den Iren: Die freuen sich, endlich mal wieder einen Pferdewagen zu sehen. Alle grüßen, heben die Hand, manche halten auch an, stellen ein paar Fragen und machen Scherze. Langweilig wird das nicht. Am späten Nachmittag oder frühen Abend erreicht man das Tagesziel, meist ein kleiner Bauernhof mit einem eigenen Rastplatz, Dusche und WC. Hier kann man auch Pferde zum Ausreiten mieten. Misty, das kräftige Zugpferd, ist nicht zum Reiten gedacht. Misty, eine Mischung aus Tinker- und Shire-Horse, wird am Ende der Strecke gefüttert und kommt über Nacht zum Grasen auf eine Koppel. Tagsüber wird eingekauft und Abends im Wagen auf dem Gasherd gekocht. Einen Kühlschrank gibt es nicht, der Wagen ist auch so schon schwer genug. Misty kennt den ganzen Weg auswendig und macht gern mal eine Pause. Wir steigen bei Steigungen vom Wagen ab und zu ab und lassen ihn unterwegs öfter mal ausruhen. Wir haben es ja nicht eilig.

Immer mal wieder fängt es unterwegs an zu regnen, aber im Wagen ist es immer warm, trocken und gemütlich. Sogar derjenige, der den Wagen lenkt und die Zügel in der Hand hält, sitzt auf einem Plastikhocker unter einem Vordach. Und das Bett ist immer dabei. Nach fünf Tagen sind wir wieder auf Anns Hof zurück und geben Pferd und Wagen zurück. Einen Tag später, als abgemacht war, wie wir hinterher feststellen. Aber das nimmt man hier mit irischem Humor. Schließlich sind wir in Irland, da kann man schon einmal die Zeit vergessen.

Die Leute, die wir treffen, sind unglaublich nett, witzig und hilfsbereit. Das macht den Urlaub zu etwas ganz Besonderem. Noch nie bin ich so freundlich aufgenommen worden wie hier in Irland. Und witzig sind sie, die Iren. Kommen gleich vier Autos hintereinander, kommentieren sie: “Wow, heavy traffic in Ireland”. Fragt man an einer Tankstelle nach dem Weg, sagt der Tankwart: “You can’t get lost, you’re on an island.” Und ein Lastwagenfahrer, der uns hilft, den Wagen rückwärts auf die Straße zu schieben, fragt scherzhaft: “Where ist the horse? Did it ran away?” In Deutschland würde man höchstens eine Hupe zu hören bekommen. Am liebsten hätten wir Misty mitgenommen, oder Oskar, das flotte Reitpony. Viele der kleinen Tinker-Wagen sind heute nicht mehr unterwegs. Reisen im rustikalen Pferdewagen sind offenbar nicht mehr so gefragt. Dabei ist die langsame Zuckel-Fahrt auf den kleinen Nebenstraßen und den abgelegenen Wegen zwischen Loughrea und Limerick Erholung pur. Früher hielten hier viel mehr Leute Pferde, nach dem Ende der Boom-Phase in Irland wurden viele frei und sich selbst überlassen. Von den ursprünglich vier Anbietern der Ferien im Pferdewagen gibt es heute noch zwei, Kilvahan und Clissman Horse Caravan in Wicklow.

Es gibt übrigens eine alte irische Sage, die besagt: Wer einen Leprachaun fängt, dem muss der kleine, rothaarige Kobold verraten, wo er seinen Goldschatz versteckt hat. In der Regel ist er am Ende eines Regenbogens zu finden. Wir haben zwar keinen Leprachaun gefangen, aber einen Schatz haben wir hier auf jeden Fall gefunden.

 

Ohne Eile durch die irische Pampa... Foto: Helge Denker

Ohne Eile durch die irische Pampa… Foto: Helge Denker

 

Fotos: Helge Denker



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