100 Milligramm Koffein

Von Helge Denker. – Kaffee teilt Menschen in zwei Lager: Die einen lieben ihn, die anderen befürchten, nach einer Tasse abends nicht mehr einschlafen zu können. „Menschen, die Kaffee nicht vertragen, sollten ihn nicht trinken“, rät Sven-David Müller, ernährungsmedizinischer Wissenschaftler und Kaffee-Experte. Good-Stories-Autor Helge Denker sprach mit ihm über das schwarze Getränk und die Gesundheit.

Good-stories.de: Herr Müller, welche Wirkungen hat Kaffee nach den neuesten Erkenntnissen auf den menschlichen Organismus?

Sven-David Müller: Kaffee ist kein klassisches Getränk, sondern ein Genussmittel. Wenn man Durst hat, sollte man etwas anderes trinken, am besten Wasser oder Mineralwasser. Eine Tasse Filterkaffee, das sind 125 Milliliter, hat rund 100 Milligramm Koffein. Dieses führt dazu, dass das Herz etwas schneller schlägt und es kann minimal den Blutdruck erhöhen. Menschen, die jeden Tag Kaffee trinken, haben diese Effekte nicht mehr. Menschen, die regelmäßig Kaffee trinken, leiden danach nicht an einer erhöhten Flüssigkeitsausscheidung. Kaffee ist in der Lage, die Konzentration zu fördern, das machen bestimmte Inhaltsstoffe, es sind mindestens 800 verschiedene Aromen und Substanzen im Kaffee enthalten. Kaffee ist nach einer relativ großen CALM-Studie in der Lage, sich positiv auf Herz-Gefäßkrankheiten und auf Diabetes auszuwirken, das heißt, Kaffee beugt Diabetes II vor. Kaffee ist kein Getränk, das negative, sondern positive Wirkungen hat. Es schützt vor Diabetes. Wer keine Diabetes bekommen möchte, sollte jeden Tag Kaffee trinken. Scheinbar ist entkoffeinierter Kaffee dafür besser geeignet, als koffeinhaltiger Kaffee. Warum das so ist, weiß man noch nicht.

 

Good-stories.de: Sie meinen Filterkaffee, oder?

Sven-David Müller: Wir sprechen dabei immer von Filterkaffee, alles andere ist kein Kaffee, das ist verdünnter Espresso.

 

Good-stories.de: Und wenn ich ganz viel Milch hineingebe und zwei Löffel Zucker?

Sven-David Müller: Mit ganz viel Milch ist das eine Kalorienbombe. Dann ist es ein Nahrungsmittel. Natürlich kann man einen Schuss Milch in seinen Kaffee hineingeben, dann erscheint er vielen besser verträglich, Menschen, die Kaffee nicht vertragen, sollten ihn nicht trinken.

 

Good-stories.de: Ist Kaffee immer noch das Getränk, das in Deutschland am häufigsten getrunken wird?

Sven-David Müller: Kaffee ist das beliebteste Getränk in Deutschland, das mit Abstand am meisten getrunken wird, obwohl es eigentlich ein Genussmittel ist. Man darf, und da sind sich alle Wissenschaftler einig, bis zu vier Tassen Kaffee am Tag trinken, das ist rund ein halber Liter. Alle schädlichen Wirkungen haben sich als nicht wahrhaftig herausgestellt. Die höchste Aufnahmemenge an Antioxidantien bekommen wir nicht aus Obst und Gemüse, sondern aus Kaffee. Wir trinken natürlich mehr Kaffee, als wir Obst und Gemüse essen. Finnland hat den größten Kaffeekonsum weltweit. Wir liegen im Schnitt bei fünf Kilo geröstetem Kaffee im Jahr. Das entspricht auf alle Deutschen gerechnet zwei bis drei Tassen am Tag. Kaffee ist noch beliebter als Bier und Mineralwasser. Alle gesundheitlich positiven Wirkungen sind nur mit Filterkaffee erhoben worden.

 

Good-stories.de: Kann Kaffee süchtig machen?

Sven-David Müller: Eine körperliche Abhängigkeit mit Symptomen gibt es eher nicht, vor dem Hintergrund trifft der Begriff “Sucht” nicht so richtig. Menschen, die gewohnt sind, viel Kaffee zu trinken, bekommen unter Umständen Kopfschmerzen, wenn sie keinen Kaffee trinken, weil sie sich daran gewöhnt haben.

 

Good-stories.de: Aber das sind keine Entzugserscheinungen, oder?

Sven-David Müller: Nein, eine klassische Sucht, eine körperliche oder psychische mit massiven Symptomen wie zum Beispiel Ausbrüche gibt es nicht.

 

Good-stories.de: Wie entstand das Gerücht, dass Kaffee nicht zur Flüssigkeitsaufnahme zählen soll?

Sven-David Müller: Nach dem Kaffeekonsum hat man natürlich einen Harndrang, den hat man aber auch nach Mineralwasser. Und in Italien bekommen Sie zu jedem Espresso und in Österreich zu jedem Kaffeegetränk ein Glas Wasser dazu. Das dient aber nicht dem Ausgleich des Flüssigkeitsverlustes, sondern dem “Wegspülen” des doch sehr bitteren Geschmacks. Beim Kaffee bilden sich durch das Rösten bestimmte pflanzliche Stoffe, nämlich Anti-Oxidantien, die etwas Positives bewirken. Und Kaffee geht genauso aus dem Körper wieder hinaus wie Mineralwasser oder Tomatensaft, es kann sein, dass dies etwas schneller geht als bei anderen Getränken, aber das bedeutet nicht: mehr! Durch diese Tradition, dazu Flüssigkeit anzubieten, ist das Gerücht besonders gefördert worden, dass Kaffee wassertreibend sei. Es gibt immer wieder so Gesundheitsgerüchte und alte Volksweisheiten, die das Essen betreffen und die stimmen fast immer nicht. Man sollte pro Tag 1,5 bis 2 Liter Flüssigkeit trinken und kann den Kaffee dabei mit einrechnen.

Kaffee hat viele Anti-Oxidantien, viele Mineralstoffe, wenig Kalorien, wenig Kohlenhydrate und fast kein Fett. Ein halber Liter Kaffee hat zwischen fünf und zehn Kalorien, also nicht der Rede wert. Er auch enthält B-Vitamine, die für die Nervenfunktionen wichtig sind. Kaffee kann entscheidend zur Vitamin- und Mineralstoffversorgung beitragen. Ein Genuss- und Gesundheitsgetränk. Und Kaffee ist seit Jahrhunderten ein Trendgetränk. Es macht wach und fördert auch etwas die Konzentration.

 

Good-stories.de: Es gibt Länder, in denen Kinder Kaffee trinken. Ist das bedenklich?

Sven-David Müller: Nein, Kaffee ist nicht gesundheitsgefährdend – die WHO hat noch nie vor Kaffee gewarnt. Auch Kinder können Kaffee trinken, selbstverständlich würde man einem Säugling keinen Kaffee anbieten. Aber einem Kind kann man durchaus einen entkoffeinierten Kaffee geben oder einen verdünnten Kaffee, eine kleine Menge und eine größere Milchportion, frühestens ab fünf Jahren.

 

Good-stories.de: Die meisten Kinder mögen keinen Kaffee…

Sven-David Müller: Kaffee wird von Kindern nicht präferiert, weil er bitter schmeckt. Aber das ist bei jedem Kind verschieden.

 

Good-stories.de: Hilft Kaffee trinken bei einer Diät?

Sven-David Müller: Kaffee kann das Abnehmen unterstützen, weil es Einfluss nimmt auf den Herzschlag und die Muskelaktivität und so einen minimalen Fat-Burner-Effekt hat. Er kann so das Abnehmen unterstützen. Normaler Filterkaffee erhöht nicht den Blutdruck und macht nicht krank, er kann die Gesundheit fördern, wer Magenprobleme hat, kann einen reizstoffarmen Kaffee trinken und wenn man Herzprobleme hat und das Herz auf Kaffee reagiert, dann einen koffeinfreien Kaffee. Aber der Effekt von Kaffee wird in diesem Bereich hoffnungslos überschätzt. Trotzdem sollte man ihn natürlich nicht literweise trinken, sondern bis zu einem halben Liter pro Tag.

Es ist eigentlich ein Genuss- und Gesundheitsgetränk. Und seit Jahrhunderten ein Trendgetränk.

 

Good-stories.de: Vielen Dank, dann mache ich mir jetzt erst einmal eine schöne Tasse Kaffee!

 

Sven-David Müller (45) ist medizinischer Ernährungswissenschaftler, Buchautor, staatlich anerkannter Diätassistent und Diabetesberater der Deutschen Diabetes Gesellschaft

Foto: Silvia Meixner



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