Ab heute heiße ich Margo

Von Silvia Meixner. -  Ein braves Mädchen hat Zöpfe und stellt sein Leben in den Dienst des Führers und der Familie. Margarete Hegewald war nie ein braves Mädchen. Als sie Alard von Sedlitz triff, den Mann, von dem sie ihr Leben lang träumen wird, gibt er ihr einen neuen Namen. Sie schreibt selig in ihr Tagebuch: “Und ab heute heiße ich Margo.” Beim Lesen sieht man diesen wunderbaren Stoff schon verfilmt, vergibt großzügig die Hauptrollen. Besetzt in Gedanken, besetzt um…Zu Gesprächen mit den potenziellen Hauptdarstellern kommt es allerdings nicht, denn man muss lesen, lesen…

„Ab heute heiße ich Margo“ ist spannend, ein Schmöker im allerbesten Sinne. Die Zeitreise beginnt 1936 in Stendal und endet 1990 in Berlin. Es geht um fast alles, was Deutschland im vergangenen Jahrhundert gemacht und ausgemacht hat: Hitler-Deutschland, Widerstand, die DDR, West-Deutschland, Mauerfall, das Leben nach der Wende. Erzählt am Schicksal der Frauen Margo und Helene. Sie lernen einander in einem Fotografie-Studio in Stendal kennen, Margo macht dort eine Ausbildung und Helene ist Fotografin. Margo ist karrierebewusst, im Dritten Reich ebenso wie in West-Deutschland, sie versteht sich anzupassen. Helene wird eines Tages in Stendal abgeholt, kommt als „Politische“ im KZ und wird gezwungen, im KZ-Bordell als Prostituierte zu arbeiten.

Margo genießt nach dem Krieg das Leben im goldenen Westen, Helene wird „Kundschafterin des Friedens“ bei der Staatssicherheit der DDR. Die Verbindung reißt nie ab, denn wer der DDR nützlich sein kann, wird gnadenlos ins Boot geholt, Helene setzt Margo unter Druck und zwingt sie, der Stasi Informationen zu liefern. Druckmittel ist ein Kind, Margos Tochter, die der Mutter in den Kriegswirren verloren ging und von deren Verbleib sie nichts ahnt. Die Wahrheit ist noch schlimmer als sie es sich je hätte vorstellen können.

Cora Stephan erzählt in „Ab heute heiße ich Margo“ (Kiepenheuer & Witsch, 640 Seiten, 21,99 Euro) eine fesselnde Geschichte von Irrungen und Wirrungen, erfüllten, verschmähten und unerfüllten Lieben. Was macht der Krieg aus Menschen? Die einen bleiben ehrlich, die anderen hängen ihr Fähnchen in den Wind. Und sie verraten jene, die ihnen einst lieb und teuer waren. Für ein Stück Brot, für Arbeit, die sie auf die Seite der Mächtigen bringt. Über allem schwebt die Frage: Wie hätten wir gehandelt, die Leser, die bequem auf dem Sofa liegen und kaum einen Gedanken an Krieg und Hunger verschwenden müssen? Mit vollem Bauch ist es einfach, über andere zu urteilen. Am Ende gibt es ein kleines Happy-End, aber kein befreiendes. Keines, bei dem man das Buch mit einem glücklichen Seufzen ins Regal stellt. Denn irgendwie bleibt das Gefühl, dass weder Margo noch Helene zu den Gewinnerinnen zu zählen sind.

 Foto: Isolde Ohlbaum

 

 



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