Adieu, Amsel!

Von Silvia Meixner. – Die Spanier haben ein wunderschönes Wort für die magischen Stunden zwischen Nacht und Tag: La madrugada. Die Morgendämmerung. Eine Mutter nimmt Abschied von ihrem toten Sohn. Bald, so sagt sie sich immer wieder, wird sie den Arzt rufen. Der wird den Tod des Schwerkranken feststellen, danach wird die Maschinerie des Todes ihren Lauf nehmen. Und ihr Sohn wird gehen, für immer. Er wird sein Kinderzimmer verlassen, in das er als schwer kranker Mann zurückkehrte, um sich von seiner Mutter pflegen zu lassen.

Sie erzählt ihm in dieser kurzen Zeit der Morgendämmerung, warum Dinge so waren, wie sie waren. Warum sie enttäuscht war, als er das teure Klavier nicht mochte. Warum sie ihr Leben nicht mochte; ein Leben zwischen Arbeit und Privatem, getrennt nur durch eine Tür, denn Geschäft und Wohnung befanden sich in einem Haus. Warum der Wohnzimmertisch für ihre Buchhaltung war. Warum der Vater, der einen Arm verloren hatte, ein Korsett trug. Und warum die Fröhlichkeit in dieser Familie niemals eine Chance hatte.

Das beste Mittel gegen die Angst ist ein eigenes Haus, meint die Mutter. Und sie erklärt ihrem toten Sohn, warum Mutter und Vater einander nach dem Krieg keine Geschenke mehr gemacht haben: Weil sie das Leben geschenkt bekommen hatten, auf eine Weise, die zu lesen schmerzt. Hans-Ulrich Treichel hat ein Buch von großer Traurigkeit geschrieben (Suhrkamp, 86 Seiten, 17,95 Euro). „Tagesanbruch“ ist ein dünnes Buch, fast bescheiden. Ein Büchlein mit großer Wirkung, sobald man die ersten Seiten liest. Manchmal schimmert Trost durch, weil man Dinge ähnlich erlebt hat oder weil man die Mutter in den Arm nehmen möchte, die so unendlich enttäuscht vom Leben ist. Die Kraft der alten Dame reicht noch für diese letzte Aussprache, die weder Fragen noch Antworten duldet. Als ihr Sohn noch lebte, hätte sie ihm all das niemals sagen können. Das ist der Zauber, der von diesem Buch ausgeht. Es braucht dazu die Morgendämmerung, die Drossel, die Amsel und den Zaunkönig.

 

Foto: Silvia Meixner



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