Die Wahlkampf-Waitress (2)

 Von good-stories.de/ red. – Hi, I’m Silvi, I’m your Wahlkampf-Waitress – und ich führe Sie durch den Berliner Wahlkampf. Heute: Wie ich den Wahl-O-Mat sprengte.

Ich darf in Berlin als EU-Bürgerin zwar nicht wählen, aber es gibt ja den Wahl-O-Mat. Mein Wahl-Ersatz. Ich habe beschlossen, politisch mainstream zu sein. Die Fragen, mit deren Hilfe ich meine Partei herausfinden soll, sind bunt wie das Leben.  Sollen Spätis sonntags öffnen? Die haben doch eh alle Tag & Nacht geöffnet, oder? Soll der Flughafen Tegel in Betrieb bleiben? Bleibt er sowieso, weil er frühestens 2030 eröffnet wird, aber ich glaube, die Frage ist anders gemeint. Ich antworte mit „neutral“.

Freier Eintritt in alle staatlichen Museen? Neutral. Soll die Berliner Polizei den Einsatz von Bodycams testen? Von mir aus. Bin ich für Moscheen mit Minaretten? Angesichts der Terrorgefahr  finde ich die Frage beinahe schon niedlich. Neutral. Ich klicke mich durch die Berliner Fragen. Richtige Aufreger sind nicht darunter. Ich hätte erwartet, dass die Hauptstädter andere Dinge interessieren, aber sei’s drum. Eigentlich vermisse ich Fragen wie zum Beispiel, ob ich lieber rechts- oder linksdrehenden Joghurt esse und ob ich meine Goldbarren bei der AfD oder doch lieber wo anders bestelle.

Ich bleibe neutral. Damit sprenge ich die Kapazität der Online-Wahlhilfe. Der Wahl-O-Mat teilt mir mit, dass „kein individuelles und zuverlässiges Ergebnis berechnet werden kann.“ Frechheit.

Ein Wahl-O-Mat ist ein Entscheidungshilfegerät für all jene, die ihr Gehirn irgendwann irgendwo an der Garderobe abgegeben haben. Sie vermissen es nicht; man braucht im Alltag eigentlich kein Gehirn, so lange man Google bei sich hat. Aber wenn Wahlen sind, wollen auch die Gehirnlosen keinen Fehler machen. Also mal besser schnell online nachfragen. Der Wahl-O-Mat ist die Kapitulation des Menschen vor der eigenen Dummheit. Das Gute ist, dass die meisten es nicht merken.

Dass hinter der Aktion Wahl-O-Mat die Bundeszentrale für politische Bildung und die Berliner Landeszentrale für politische Bildung stehen, habe ich zuerst für einen Scherz gehalten. Ich dachte immer, das wäre auch verkappte Wahlwerbung oder die sensationelle Marketing- Idee eines Getränkeherstellers.

 

Foto: Silvia Meixner



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