Die Wahlkampf-Waitress (3)

Von Silvia Meixner. – Hi, I’m Silvi, I’m your Wahlkampf-Waitress – und ich führe Sie durch den Berliner Wahlkampf. Heute: Das Hitlerbärtchen – nicht tot zu kriegen.

Kaum hängen irgendwo Wahlplakate, üben sie magnetische Faszination auf Idioten aus. Die einen malen die Augen aus, andere malen Frisuren oder ihren gedanklichen Dünnpfiff auf die Plakate. Die größten Idioten aber schmieren unermüdlich Hitlerbärtchen auf die Kandidaten. Kürzlich sah ich den Regierenden Bürgermeister Michael Müller mit einem Hitlerbärtchen in Blau. Blau?! Hatten wir uns nicht auf Schwarz oder Dunkelbraun geeinigt?

Was sind das für Menschen, die vermutlich eine Leiter oder einen zweiten Idioten für eine Räuberleiter dabei haben? Welches Gefühl der Zufriedenheit durchströmt sie, wenn sie aus  Michael Müller vermeintlich Adolf Hitler gemalt haben? Als diktatorenähnlicher Politiker ist der Mann ja nun wahrlich nicht aufgefallen.

Oft haben Dinge banale Ursachen. Die Malwut könnte mit der allgemeinen Euphorie zu erklären sein, die seit rund zwei Jahren Deutschland erfasst hat. Gab es früher nur Ausmalbücher für  Kinder, haben Zeitschriftenläden mittlerweile ganze Ecken für Erwachsenen-Malbücher freigeräumt. Buntstifte-Hersteller schieben neuerdings Sonderschichten, um die Nachfrage zu befriedigen. Und Malbuchhersteller verzeichnen glänzende Umsätze.

Erwachsene malen natürlich keine Bauernhofszenen oder Teddybären aus. Und zum Glück bleibt uns bei diesem Trend auch „Malen nach Zahlen“ erspart. Die Großen malen jetzt indische Schnörkel, grafische Muster, auch kalligraphische Übungen sind sehr beliebt. Zu den erfolgreichsten Malbüchern gehören derzeit die Standardwerke „Mein verzauberter Garten“ und „Mein Zauberwald“. Auflage: mehr als eine Million Bücher. Für ganz kreative Menschen gibt es das Werk „Mach dieses Buch fertig“ der US-Autorin Keri Smith. Die Anleitung: 192 Seiten anmalen, zerreißen, anzünden und aus dem Fenster werfen. Yoga war gestern.

Malen soll der Entspannung dienen in einer Welt, in der wir nicht einmal mehr wissen, wen wir wählen sollen. Beim Malen wird die große, unübersichtliche Welt wieder schön und beruhigend klein. Vielleicht war der Hitlerbartmaler nur ein großes Kind. Ein dummes jedenfalls.

 

Foto: Silvia Meixner



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