W-Waitress: Radfahrerglück

Von Silvia Meixner. – Hi, I’m Silvi, I’m your Wahlkampf-Waitress – und ich führe Sie durch den Berliner Wahlkampf. Heute: Ich bin gerührt – die Politik hat die Radfahrer plötzlich lieb!

Wenn Wahlkampf ist, entdecken Politiker traditionell ihre Liebe zum umweltschonenden Radfahren. Getreu Ciceros Ratschlag „Versprich allen alles“ schüren sie Träume, die am Tag nach der Wahl umgehend vergessen sind. Delete-Taste. Ab sofort gibt’s neue Autobahnen. Und Berliner Radler fahren weiterhin über Baustellen-Radwege oder stürzen sich todesmutig auf die normale Fahrbahn.

Ich fahre durch die Kolonnenstraße in Berlin-Schöneberg und traue meinen Augen kaum. Da ist neuerdings ein Fahrradweg! Eine Verheißung! Einer von diesen guten, direkt auf der Straße, breit und mit gelben Streifen gekennzeichnet. Ein Gruß der Politik, anders kann ich es mir nicht erklären. Seit es eine große, erfolgreiche Radfahrer-Petition gab, sind die Politiker aufgewacht. Zumindest ein bisschen. Bei Radfahrern handelt es sich nicht mehr um eine Gruppe verfilzter Spinner, in den vergangen Jahren ist ein deutlicher Anstieg der Radfahrerzahlen zu verzeichnen. Ich sehe das gleich vor meiner Haustür, wo sich abends die Fahrräder, an die wenigen Ständer oder sonstigen zu Ständern umfunktionierten Parkmöglichkeiten gekettet, beinahe türmen. An fast jedem Baum ist das im Sommer so. Wer lieb zu den Wählern ist, darf also möglicherweise auf ein Kreuzchen hoffen. Ist ja nur ein bisschen gelbe Farbe und guter Willen.

Zurück zur Kolonnenstraße. Die ersten Meter komme ich gut voran. Dann steht ein gelber DHL-Lieferwagen auf dem Radweg. Vermutlich denkt der Fahrer: Gelbes Auto, gelbe Streifen, wie für mich gemacht, das muss eine Lieferwagen-Parkzone sein! Normalerweise gehe ich dabei nicht auf die Barrikaden, weil ich einsehe, dass so ein Lieferwagen auch nicht fliegen kann, aber auf der Kolonnenstraße herrscht reger Busverkehr und die Wahrscheinlichkeit, beim Überholen des Lieferwagens von einem Großen Gelben erwischt zu werden, ist groß. Kein schöner Tod. Aufgebahrt kann man danach jedenfalls nicht mehr werden. Wählen auch nicht.

Ein paar Meter weiter parkt ein weiß-blauer Lieferwagen auf dem Radweg. Jungs, so kommen wir nicht weiter. Am nächsten Tag sind der ganze Gehweg und ein Teil der Straße aufgerissen. Bauarbeiten. Der Radweg ist futsch. Kein Witz. Das ist Berlin.

 

Foto: Silvia Meixner



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