Komm’ da runter!!

Von good-stories.de/red. - Glücklich sieht sie nicht aus, die Frau auf dem Buchcover. „Komm‘ runter!“, möchte man ihr zurufen, denn erstens klettern wohlerzogene Frauen nicht auf Bäume, zweitens könnte das schöne Kleid Schaden nehmen und drittens: Was soll man von einem Mann halten, der seine Liebste auf einen Baum scheucht und ein Foto macht? Wer weiß, was dem als nächstes einfällt.

Der skurrile Trend, Frauen auf Bäumen zu fotografieren, ist dann auch irgendwann eingeschlafen. Geblieben sind alte Fotos, die man heute auf Flohmärkten finden kann – und ein Buch: In „Frauen auf Bäumen“ hat Jochen Raiß seine Sammlung der aus heutiger Sicht ungewöhnlichen Fotografien veröffentlicht (Verlag Hatje Cantz, 110 Seiten, 15 Euro). 92 Fotos in Schwarz-Weiß zeigen Frauen und Mädchen in unterschiedlichen Posen, die nicht adrett auf einem Sofa sitzen, sondern sich in lichte Höhen geschwungen haben. Mal allein, dann wiederum zu zweien oder dreien. Das war damals, in den 20er- bis 50er-Jahren, eben modern. Dass es keine Fotos von Männern in Bäumen gibt, mag daran liegen, dass der Herr des Hauses vermutlich nur über seine Leiche einer Frau den Fotoapparat anvertraut hätte. Wäre sie während der Aufnahmen vom Baum gefallen – es wäre dann eben ein Kolateralschaden gewesen. Jochen Raiß hat die Fotos über die Jahre auf diversen Flohmärkten gesammelt, das erste nutzte er als Lesezeichen für Bücher und war die Initialzündung für seine Sammlung.

Das Buch ist ein kleines Paradies für Menschen, die sich gern Fotos von Unbekannten ansehen. Genauer: Für die Baum-Voyeure unter uns. Das kann die Phantasie beflügeln, man kann sich Lebenslauf erdenken, längst vergangene Liebesgeschichten erträumen oder sich einfach wundern, warum Frauen vor fast hundert Jahren diesen Quatsch mitgemacht haben. Manche, vermutlich die, die schon als Kinder auf Bäume geklettert sind, wirken sogar fröhlich. In jedem Fall ist ein kleines, zauberhaftes Buch entstanden, das aus dem Mainstream-Angebot à la „Wie ich einmal aus dem Fenster fiel, mein Lieblingsrezept verlor und meine großes Liebe fand“ heraussticht. Und wer weiß schon, wie unsere Enkelkinder über unsere Selfies lachen werden.

 

Foto: Verlag Hatje Cantz



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