Wo der Käse quietscht

Von Elisabeth Hewson. – Ob J.R. Tolkien an Norwegen gedacht hat, als er die berühmte Romantrilogie Herr der Ringe“ schrieb? Die Landschaften, die er schildert, die er zum Leben erweckt und manchmal sogar zum Hauptdarsteller macht, die könnte er dort „abgeschrieben“ haben.

Auch wenn für die Verfilmung Neuseeland herhalten musste, wer nach einer realen Gegend für das Märchenland „Mittelerde“ sucht, sie vielleicht erwandern möchte wie Frodo und Genossen, findet sie in Norwegen. 

Wer die Romantik solcher sagenhafter Landschaften und Begegnungen sucht, ist hier richtig: Weitblicke, die am Horizont Felsentürme und andere Welten erfinden lassen; eigentümliche Speisen und eigenartige Menschen, sympathische Exzentriker, die ihr Leben nach eigenen Entwürfen leben; spiegelglatte Seen in einsamen Lichtungen; Bächlein und Bäche und Flüsse, die einen ständig begleiten; uralte Pilgerwege. Sogar den „Herrn der Ringe“ kann man kennenlernen: Er kommt aus Köln, vermarktet die Silberschmiede seiner Frau und zimmert, was das Zeug hält und das Riesengrundstück hergibt. Sogar Erd-Häuschen, die wunderbar nach Auenland passen würden.

Dass es hier romantisch und mystisch ist, haben übrigens auch die Produzenten von Harry Potter gedacht: Teile von „Harry Potter und der Halbblutprinz“ sind in Norwegen gedreht worden, in Fjellnorwegen, einem Gebiet, das sich wie ein urtümlicher Faustkeil von Oslo nordwärts erstreckt. Den höchsten Berg Norwegens (und ganz Skandinaviens), den GaldhØppigen mit 2469m kann man dort besteigen, sieben Nationalparks besuchen. Und Lillehammer, wo die 17. olympischen Winterspiele 1994 ausgetragen wurden. Daran wird jetzt wieder mit der US-TV-Serie „Lillyhammer“ erinnert, die übrigens die Einwohner von Lillehammer gar nicht freut. Sie finden sich dort als leicht idiotische, naive Landbewohner wieder, und ärgern sich darüber, dass Vieles gezeigt wird, das entweder nicht in Lillehammer existiert – wie die Flamingo-Bar, die in Oslo steht – oder falsch ist, wie ein Elch im Winter, der Geweih trägt, das er in Wirklichkeit bereits im November abwirft.

So plaudert und räsoniert man um Mitternacht in der Skybar Toppen Bar mit jedem, auch Fremden: Denn Norweger, zumindest Südnorweger, sind alles andere als schweigsam und zugeknöpft. Vor allem am Wochenende, mit Bier und einem Aquavit in der Hand, und mit Blick auf die beleuchtete, noch heute geliebte und verehrte Sprungschanze.

Beginnen sollte man diese Tour nach Inner-Norwegen am besten am See MjØsa, dem größten Binnensee Norwegens, nördlich von Oslo. Auf diesen See (allein in der Oslo-Region gibt es übrigens 400 davon) sind die umweltbewussten Norweger – es gibt hier übrigens nur Wasserkraft-Energie – besonders stolz. Er war in den späten 1970ern total gekippt, zu viel Phosphor durch zu viel Waschmittel war hineingeraten. Die Frauen rund um den See boykottierten daraufhin phosphorhaltige Marken, und in 15 Jahren war der See wieder sauber.

Wer das richtige Norwegen-Natur-Gefühl spüren will, kann dort gleich einmal Seeforellen fischen und am Ufer grillen. Nächtigt man im „Strand“, einem Hotel mitten in GjØvik mit Kino und Einkaufszentrum, geht man bloss fünf Minuten zum MjØsa, wirft seine Angel hinein und muss meist gar nicht lange warten: Forellen beissen in dem fischreichen Gewässer schnell an. Dazu passt eine der 80 Aquavit-Sorten, welche, dafür lässt man sich besser von Kennern beraten: Dieses „Lebenswässerchen“, das nur in Norwegen aus Erdäpfeln gebrannt wird, hat durch Koriander, Zimt, Fenchel, Kümmel, Anis oder Dille (nur einige der möglichen Zutaten) für jedes Gericht die richtige Geschmacksbegleitung. Der berühmteste ist der Linie Aquavit, der in alten Sherry-Fässern auf Schiffe verladen und dann 4 ½ Monate herumgeschippert wird, wobei er zweimal den Äquator überqueren muss, bevor er in Flaschen gefüllt wird. Die Seeluft, das Schwanken und die Temperaturunterschiede sollen ihn besonders mild und würzig machen.

Würzig ist eine gute Beschreibung Norwegens und seiner Delikatessen. Der Braunkäse zum Beispiel wurde in Fjellnorwegen, nördlich von Lillehammer in Gubrandsdalen, erfunden. Er ist ein karamellisierter Molkekäse, leicht süßlich und quietschend mit dem Käsehobel zu schneiden, gerne auf Knäckebrot gelegt. Viel Fisch wird hier verarbeitet, und dann zum Beispiel als Rakfisch angeboten. Die Forellen dazu kommen oft aus einer der vielen Fischzuchten Norwegens, die qualitativ hervorragenden Fisch liefern: wegen der vielen Quellen, die die Zuchtbecken ständig mit frischem Wasser durchspülen. Der Fisch wird im September in Fässern eingelegt, mit Lake bedeckt und bei 4–9 Grad gelagert, um dann zu Weihnachten feierlich serviert zu werden. Der Rakfisch kann vier Monate (mild), sechs Monate oder ein Jahr (sehr würzig) lagern, ist butterweich und hellrosa. Am besten isst man ihn mit Potetbrod, einem hauchdünn-knusprigen Kartoffelbrot, und einem Sauerrahm-Dip. Der Geschmack hängt auch von Lake und Fässern, Lagerung und Temperatur ab, und davon, ob ein Fisch ganz oder bereits filetiert eingelegt wird: Die Filets der im Ganzen eingelegten Fische sind teurer, Jährlich gibt es in der ersten Novemberwoche ein Festival, bei dem alle Rakfisch-Erzeuger gegeneinander antreten, um den besten zu ermitteln.

Norwegen wirkt unkompliziert. Wie das Fischen. Und das Bahnfahren: 300 Kronen kostet ein Ticket, egal wohin auf den gut ausgebauten Strecken. Auch von Oslo bis zum Rand des Reinheimen Nationalparks im Norden, wo auf der Strecke der Raumabahn Szenen für Harry Potter gedreht wurden. In Bjorli führen die Schienen über eine der 3000 Bahn-Brücken: Zugfahren ist in Norwegen ein Landschaftserlebnis.

Sonst sind die Preise, von Benzin bis Restaurant, nicht wirklich günstig, aber das kennt man von allen nordischen Ländern. Heute können sich das die Norweger alles gut leisten, seit 1969 im Radio bei der Weihnachtsansprache lakonisch verkündet wurde: „We have found something.“ Das „something“ war Erdöl, das den vorher bitterarmen norwegischen Staat zum reichsten der Welt gemacht hat, mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen. Und er legt immer noch zu: erst vor einigen Jahren wurden weitere riesige Ölfelder direkt vor der Küste Norwegens entdeckt. Doch die Regierung hat einen kühlen Kopf behalten und zahlt, neben der Finanzierung vieler Sozialleistungen, für jeden Norweger einen dicken Rentenfond ein.

Vielleicht ist das alles ein Grund, warum die Norweger so entspannt wirken. Und gerne Spass haben. Was wieder für die Besucher höchst angenehm ist. Sollte man das Glück haben, am 17. Mai in Norwegen zu sein, kann man sogar die jungen Norweger (wieder) in ihren knallbunten Trachten (Bunads) erleben, mit viel filigranem Silberschmuck bei den Mädels und Kniebundhosen bei den Burschen (Männer in Tracht sind heiß! – versichern viele junge Norwegerinnen). Und viele Fahnen, Trommeln, die Königsfamilie (in Oslo vom Jubelbalkon) und Umzüge. Je lauter und lustiger, desto besser.

Den traditionellen Silberschmuck kann man, wie auch eigenes Design, beim „Herrn der Ringe“ erwerben, bei Rainer Solhaug, der aus Köln nach Høvda gezogen ist, weil er dort seine Ingernuuren fand, eine Silberschmiedin. In Norwegen bekannt wurde er durch die TV-Doku „Plätze, wo keiner leben möchte“, für die er einmal im Sommer und einmal im Winter besucht wurde. Warum dort niemand leben möchte (oder mochte), ein idyllischer Platz am Waldrand mit wunderbarer Aussicht, erklärt sich vielleicht daraus, dass erst Rainer mit seinem Zimmermannsgeschick viele Häuschen, Hüttchen und Scheunen renoviert oder hergeholt und aufgestellt hat, sogar das erwähnte Grashügelhaus, in dem jeder Hobbit gerne übernachten würde.

Nicht weit von diesem „Auenland“ führt eine wunderbare Panoramastraße von Garli bis Hindsaeter, die Landschaftsroute Valdresflye. Ausblicke gibt es unter anderem auf den Lake Bygdur, den höchsten See mit regelmäßiger Fähren-Schiffahrt, und auf den Besseken, das 1743m hohe Traumziel aller Bergsteiger Norwegens. Wer dann noch weiter nach Osten fährt, kommt in ein „Almtal“ des Nationalparks Jotunheimemen, das Murudalen, wo Hege und Helge sich mit Glittersjå ihre eigenes Paradies geschaffen haben, mit „nächstem“ Bauernhof am fernen Berghang, mit Gänsen, Pferden, Hasen, Ziegen Schafen, Hunden, Schweinen, Moschusochsen – und Bären: im Hauswäldchen hat ein Holzkünstler sie aus Baumstämmen heraus- und in Baumstämme hineingeschnitzt, ein Suchpfad für neugierige Kinder, während die Eltern vielleicht Selbstgesponnenes und -gewebtes von Helge probieren.

Noch so einen Individualisten und seine Frau kann man kennenlernen, sich von ihnen bekochen lassen, mitkochen und viel von der Geschichte der einfachen Norweger erfahren. In der „Kulturstau i Ro“. Eine Art belebtes Kochmuseum, nicht einmal eine Stunde von Lillehammer entfernt, in dem das Ehepaar Tor und Lina zeigen, wie von Alters her in Norwegen was gekocht wurde. Ein riesiger, duftender und schmeckender Kräutergarten und ein romantisches Häuschen mit Gemeinschaftsküche und einem heimeligen Speisezimmer zieht immer wieder reisen fröhliche Gruppen, wie Hochzeiter oder Geburtstagsgäste an, oder Wochenendausflügler aus Lillehammer.

Zu all dieser Romantik, kulinarisch und landschaftlich-mystisch, gibt es auch noch eine Zeitreise zu erleben: In Lillehammer wurde von einem enthusiastischen Zahnarzt, der alles und jedes sammelte, 1904 dieses „living museum“ eröffnet, ein detailreiches, umfangreiches Freilichtmuseum, in dem Schauspieler die Häuser aus ferner und naher Vergangenheit beleben. Sogar einen Schulmeister gibt es, der für die Besucher Unterricht hält, eine Postbotin, einen Laden, in dem man passend nostalgische Dinge kaufen kann, und für jedes Jahrzehnt seit dem 2. Weltkrieg ein Haus mit allem Schnickschnack aus der entsprechenden Zeit, sogar das Fernsehprogramm stimmt, und die Zeitungen, die herumliegen. Ein Tag ist jedenfalls fast zu wenig für dieses Museum.

Foto: Elisabeth Hewson



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