Heul doch, Airbnb!

Von Silvia Meixner. - Wenn nichts mehr geht, kann man immer noch ein paar Krokodilstränen ins Rennen werfen: „Meine Tochter lebt in der Schweiz. Ich vermiete meine Wohnung, wenn ich sie besuche. Das hilft mir, meine Flugtickets zu bezahlen“, lese ich ergriffen in einem Berliner Stadtmagazin. Papa und Tochter blicken in die Kamera, im Hintergrund ein Uralt-Radio und ein selbstgebasteltes Regal aus alten Holzkisten. Eigentlich fehlen nur noch die Heiligen drei Könige. Mir kommen beinahe die Tränen. Es ist kein weihnachtlicher Spendenaufruf einer Kinderhilfsorganisation, sondern ein Inserat von Airbnb. Ein Zimmer bei dem Erfolgsunternehmen zu mieten, ist neuerdings offenbar schon beinahe eine soziale Tat. Schließlich will ich nicht schuld sein, dass das arme Kind irgendwo allein auf einer Schweizer Alm sitzt, während der Papa in Berlin weint, weil er sich als Opfer der Gentrifizierung kein Flugticket leisten kann.

Der Hintergrund des Fotos hat mich irritiert. Airbnb-Wohnungen sehen normalerweise anders aus: Auf der Website sieht man nur schicke Domizile in besten Lagen mit Gastgebern im Model-Look, wer bucht, hofft inständig, bei der Ankunft in Südafrika oder München nicht in das Team von „Schöner Wohnen“ zu rasseln, weil die das Hideaway eben auch entdeckt haben und schnell eine große Homestory produzieren müssen.

Die Realität sieht anders aus. Ich weiß es, denn ich habe in diversen Unterkünften der Plattform gewohnt. Mein Fazit: Geht so. Die Gastgeber, die laut Vermietplattform nichts lieber tun, als Gästen Geheimtipps zu präsentieren und ihr schönstes Zimmer freizuräumen, waren zum Teil erstaunlich. Ein wenig Ehrlichkeit würde der Geschäftsidee nicht schaden: Jemand hat ein Zimmer und freut sich über ein bisschen Geld, der Gast freut sich über ein bezahlbares Zimmer. Ist doch okay. Der schwere PR-Fehler, das Ganze als superschicke Hotel-Alternative zu präsentieren, hat natürlich nicht dafür gesorgt, dass Hoteliers gute Laune bekommen. Und da sie meistens gut vernetzt sind, bekämpfen sie den unliebsamen Mitbewerber mit allen Mitteln. Das ist genauso verständlich wie der Wunsch der Reisenden, ein günstiges Zimmer zu ergattern.

Meine Erlebnisse als Mieterin sind durchwachsen. In Hamburg bat mich eine Vermieterin in ernstem Ton, ich möge doch bitte meine 200ml-Glasflasche zum Altglas-Container bringen – der wäre zehn Minuten Fußmarsch entfernt. Zuerst hielt ich es für einen Scherz. Als ich in ihr säuerliches Gesicht blickte, wusste ich, dass sie es ernst meinte. Dabei hatte ich Tage zuvor ihre Katze vor dem Verhungern gerettet, denn bei meiner Ankunft war die Gastgeberin verreist und das Tier sollte per Automat gefüttert werden. Tagelang nur mit Trockenfutter, ich fand das gemein. Noch fieser war allerdings der Umstand, dass das Gerät kaputt war. Hätte ich kein Airbnb-Zimmer gebucht, hätte das Tier tagelang kein Fressen gehabt. Als ich nach Ankunft der Vermieterin abends kurz am Küchentisch Platz nehmen wollte, sagte sie: „Ich sag‘ es Dir lieber gleich, damit sich das nicht aufschaukelt. Den Küchentisch darfst du nur nutzen, wenn ich nicht da bin. Das steht im Übrigen auch in der Zimmerbeschreibung. Dir stehen das Zimmer und das Bad zur Verfügung und morgens kannst Du Dir in der Küche einen Tee machen.“ So viel zum Thema Gastfreundschaft. Ich war dankbar, dass ich zumindest auch ohne schriftliche Genehmigung den Flur nutzen durfte, denn ohne ihn wäre ich weder ins Bad noch ins Zimmer gekommen. Als Alternative wäre mir der Garten zur Verfügung gestanden. Aber die Katze war nett.

Danach habe ich mir ein anderes Zimmer gesucht, eine Nacht in einer Hamburger Gegend, bei der meine Kollegen entsetzt fragten: „Bist du sicher, dass du nicht wo anders wohnen willst?“ Das ist der Zauber fremder, unbekannter Städte: Mir sagte der Bezirk gar nichts, die Gastgeberin war liebenswert, sie hatte eine geräumige Sechszimmerwohnung in einem Sozialbau und als ich abends müde ankam, wedelte ihre kleine Tochter mit ihrem Mathe-Schulheft. Also haben wir erstmal die Hausaufgaben kontrolliert. Wenig später wohnte ich in allerbester Lage, Villengegend, bei einer Frau, die ihr Haus gerade zum zweiten Mal gebaut hatte. Das erste hatte sie abreißen müssen, da es ca. 17 Zentimeter zu nah am Gartenzaun errichtet worden war. Die Nachbarn, allesamt allerbester Hamburger Geldadel, waren nicht amused und sorgten tatsächlich dafür, dass das Haus abgerissen und neu gebaut werden musste. Auf die Idee muss man erst mal kommen. Ich hatte dort jedenfalls eine schöne Zeit, ein Zimmer, eigenes Bad und nette Gesellschaft.

Als ich kürzlich las, dass Airbnb-Gastgeber neuerdings Geld dafür verlangen, wenn sie mit ihren Gästen kleine Touren im Kiez unternehmen, wurde mir klar: Die Idee ist tot. Mausetot. Das Charmante daran war der Glaube, dass die Gastgeber das gern machen und Gäste wie Gastgeber sympathisch, kosmopolit, pflegeleicht und insgesamt ein Gewinn wären, pekuniär wie intellektuell. Bei genauer Betrachtung hätte man draufkommen können, dass es ein Geschäft ist wie jedes andere. Und da einige Vermieter den Hals nicht voll genug bekommen konnten, schuf sich das Unternehmen in kurzer Zeit weltweit mehr Feinde, als es bekämpfen konnte. Gier war noch nie ein guter Berater.

Aber die Idee war so hübsch: In der Ferne bei (Beinahe-)Freunden wohnen, ein schickes Apartment zum Spottpreis ergattern und stolz im neuen In-Café zu sitzen, das noch nicht einmal die Einheimischen kennen. Es wird Zeit, aufzuwachen, Freunde!

 

Foto: www.good-stories.de



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