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Von Gisela Schütte. - Im Alltag sind Baustellen Ärgernisse – laut, schmutzig, hinderlich. Die größte Baustelle Europas ist eine Sehenswürdigkeit: Die Hafencity in Hamburg, neues Quartier am Wasser und unvollendeter Publikumsmagnet.
Die Motivationen für Städtereisen sind höchst unterschiedlich: Da geht es nach Paris der Liebe wegen, nach Mailand, um in der Scala der Musik zu lauschen, nach New York, um ordentlich zu shoppen und ins Museum zu gehen, nach München auf die Wies’n, nach Berlin wegen der flippigen Hauptstadtluft, nach Wien, um endlich einmal einen ordentlichen Kaffee serviert zu bekommen und nach Zürich, um nach den Konten zu sehen.
Hamburg bereichert die Palette der Städtereisen mit der Facette „Baustellentourismus“. Wie Pantheon, Dogenpalast, Empire State Building und Machu Pichu in den Anden sind es Bauwerke, die die Schaulustigen anziehen. Aber eben nicht die fertigen Denkmäler, sondern die höchst unkompletten Kontor- und Wohnhäuser und vor allem: Die Elbphilharmonie, das höchste Konzerthaus der Welt- und vielleicht wird es auch noch das teuerste.
Die Objekte der touristischen Begierde liegen allesamt in der Hafencity, der spektakulären Innenstadterweiterung in der Hansestadt, zugleich eines der größten und ambitioniertesten Städtebau-Projekte in Europa. Das Areal misst 157 Hektar, es ist eine ehemalige Hafenbrache im Anschluss an die denkmalgeschützte kaiserzeitliche Speicherstadt. Die Hafencity GmbH, eine Tochter der Hansestadt, entwickelt das Quartier, das die Innenstadt um 40 Prozent erweitert. Geplant und zum Teil schon realisiert ist eine urbane Mischung aus Wohnen, Dienstleistung, Kultur, Freizeit, Tourismus und Handel. Es entstehen mehr als zwei Millionen Quadratmeter Neubaufläche, 5500 Wohnungen und Raum für 40.000 Arbeitsplätze, dazu 24 Hektar öffentliche Parkanlagen, Plätze und Promenaden. 35 Gebäude stehen schon, weitere 32 sind in Planung oder im Bau. Der Startschuss für das Projekt fiel 1997, im Jahr 2003 begannen die Bauarbeiten für das Milliardenprojekt.
Es ist die Lagegunst, die das Viertel so besonders macht: An der Elbe und doch nur ein paar Schritte vom Rathaus, direkt neben der Speicherstadt, in der sich kreative und kulturelle Nutzungen neben historischen Lagerbetrieben eingenistet haben, und eingebunden in das Hafenambiente mit Barkassen und Schleppern, mit historischen Wasserfahrzeugen in den alten Hafenbecken und einem regen Treiben am Kreuzfahrtterminal, an dem der gewaltige Ozeanriese “Queen Mary II” schon nahezu Heimrecht hat.
Von Seiten der Architekturkritik wird vieles bekrittelt an dem Konzept: Zu kleinteilig, zu unorganisch, zu abgehackt in der Gebäudefolge. Das tut der Liebe der Einheimischen und Touristen keinen Abbruch. Sie stiefelten vom ersten Tag durch die matschigen Straßen, um den Häusern beim Wachsen zuzusehen. In die Wohnhäuser am Kaiserkai, zwischen zwei Hafenbecken, zogen die ersten Wohnungseigentümer ein, als es erst einen winzigen Laden in der Straße gab und ohne Gummistiefel nichts ging. Obwohl für den Blick aus dem Wohnzimmer auf die Baustelle waren immerhin etliche Tausender pro Quadratmeter zu entrichten waren. Und die Touristen wandern wacker kilometerweit zu den erst planierten Baugebieten, die aussehen wie ein Wüstenplanet. Aber man muss das gesehen haben.
Glanzstück des Ensembles ist die Elbphilharmonie, das Konzerthaus, das die Schweizer Stararchitekten Herzog und de Meuron über einem Speicher errichten, und das 100 Meter hoch aus der Elbe aufragt. Noch ist es ein Rohbau. Und das wird es noch eine Weile bleiben, denn die Bauarbeiten sind im Verzug, weil alles an dem Projekt einzigartig ist und deshalb die Arbeit sich auch immer wieder einzigartig verzögert und verteuert. Die Baukosten haben sich von 77 auf mehr als 323 Millionen Euro mehr als vervierfacht. Und Kenner sind sicher, das war’s auch noch nicht.
Wenn aber alle, die jetzt vor dem Rohbau stehen, später nach der Eröffnung vielleicht 2012 eine Karte kaufen, wird sich das Haus bezahlt machen. Und all denen, die in der spektakulären Sydney-Oper ein Pendant für die Elbphilharmonie sehen, sei gesagt, dass der Bau des Aussie-Projekts rund eineinhalb Jahrzehnte dauerte. Und der Architekt, der Däne Jörn Utzon (1918-2008), war von dem Bau ausgeschlossen worden, was er lebenslang übel nahm. Ach ja, und teuer ist es auch geworden: Über 57 statt geplanter 3,5 Millionen US-Dollar, Anno 1957 und die folgenden.
In der Hafencity haben die Touristen noch lange etwas zu besichtigen. Auch nach Eröffnung der Elbphilharmonie. Bis 2020/2025 will man sich bis zu den Elbbrücken im Osten der Stadt voranbauen. Gute Zeiten für die Gummistiefelproduktion.
Foto: Hafencity Hamburg