Von Silvia Meixner. - Es ist nie zu heiß für Sex. Es ist manchmal zu heiß für Yoga. Das ist mein Mantra für den Tag. Ein paar Dutzend Berliner sehen das anders: Sie quälen ihre Körper in Asanas (so heißen die Körperübungen beim Yoga). Sie sehen nicht glücklich aus. Kein normaler Mensch würde in Indien auf die Idee kommen, bei 35 Grad im prallen Sonnenschein Leibesübungen zu machen. Aber wir hier, wir in Berlin, wir machen das. Omm, ich hab mich lieb, dich und dich dort sowieso. Ja, auch dich dort, ganz hinten, der Du Deine Haare nicht gewaschen hast. Das ist das Seltsame an Yoga: Es ist eine geniale, tausende Jahre alte Idee. Und bei uns denken viele, wenn sie sich die Haare nicht waschen, in einen unsäglichen und plump-jovialen „Du-und-ich-wir-wissen-wie-wir-die-Welt-retten“-Ton verfallen und einen Tee-Tee (das nämlich bedeutet übersetzt „Chai-Tee“) trinken, sind sie auf dem Weg zur Erleuchtung. Sogar die Inder, nicht als Hitzköpfe bekannt, wollen Yoga jetzt schützen lassen. Eine gute Idee. Aber es wird schwierig werden, sie durchzusetzen. Die Argumentation der Inder lautet, dem weltweiten Yoga-Boom etwas entgegen zu setzen. Und sie wollen die maßlose Geldschneiderei, die damit einher geht, unterbinden. Lach-Yoga, Mitternachts-Yoga, Schwangeren-Yoga, Postnatales-Yoga, Baby-Yoga, Acro-Yoga – das alles nervt die Inder. Zu Recht. Es ist, als wollten die Österreicher den Wiener Walzer oder die Griechen den Sirtaki schützen. Auf den ersten Blick komisch, auf den zweiten der Schutz von Kultur. Man kann darüber lächeln. Oder nachdenken. Wenn man sich ein wenig in der Yogaszene tummelt, versteht man, was die Inder meinen.
Am Eingang des Yoga-Festivals steht eine Frau und will ihre Karten loswerden. Sie verspricht einem Paar einen Rabatt von fünf Euro. „Mir ist es echt zu heiß, um Yoga zu machen“, erklärt sie, „die Karten sind echt, wirklich, ganz ehrlich. Wenn Ihr wollt, warte ich, bis Ihr drinnen seid.“ Die beiden lehnen ab. „Nur damit Ihr sicher sein könnt, dass es Originalkarten sind“, sagt sie. Gleich werden sie, um den Weltfrieden zu retten, ein bißchen Krokodil üben. Oder den Lotussitz. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich Männer, die spärlich bekleidet sind und ein Schaffell dabei haben. Nicht, weil es kalt ist, sondern weil sie darauf vermutlich Yoga oder sonstwas machen. Omm. Ich gerate in einen Vortrag, in dem so viel Unsinn erzählt wird wie sonst nur in Politikerreden. Niemand protestiert. „Bohr‘ ein Loch in Deine Eierschale!“, fordert der Mann auf der Bühne, „wir haben keine Ahnung von der Realität. Was Du siehst, ist Dunkelheit- im Vergleich zum inneren Licht.“ Was ich sehe, sind Menschen, die trotz Badewetter eine Stunde lang diesem Unsinn lauschen. „Ist Euch die Energiewelt ein Begriff?“, ruft der Guru, „Du bist total blind wie eine Fledermaus, alles ist eine Illusion. Es geht nicht um das Hier und Jetzt, es geht um die Vergangenheit und Zukunft…Ich finde es so toll, dass hier so viel gesungen wird…die Yogis sagen es so: Je mehr Du nach innen gehst, desto mehr lösen sich die äußeren Schalen…“ Es ist wirklich an der Zeit, dass die Inder etwas unternehmen.
Bitte auch gern etwas gegen die Verbreiter des „Agnihotra Feuer-Rituals“, einer Kupferpyramide (27 Euro), die alles und nichts heilen helfen soll. Von mir aus können Menschen ihr Trinkwasser mit Badeperlen, Schnaps, um Mitternacht geernteten linksdrehenden Apfelkernen oder heiligen Reiskörnern anreichern, aber wenn auf Werbeprospekten angekündigt wird, dass man damit HIV verschwinden lassen kann, hört der Klamauk auf. Es ist in Ordnung, mit Yoga Geld zu verdienen, wenn man die Angelegenheit ernst nimmt. Es ist mehr als ärgerlich, wenn man die Auswüchse von Feuerritualen, Yogatänzen, Erkenntnissen über inneres Licht und ähnlichen Unsinn ertragen muss und wenn suggeriert wird, dass, schwuppsdiwupps!, schwere Krankheiten verschwinden. Yoga ist super, der Esoterik-Bohei, der darum veranstaltet wird, unerträglich. Und warum die Ausbildung zum Yogalehrer tausende Euro kostet – es handelt sich um Lehrstoff überschaubaren Inhalts- das fragen sich mittlerweile viele Menschen.
Bevor ich mich trolle, treffe ich auf einen Mann, der zwei 10er-Pack Mineralwasser und einen riesigen Kuchen in Richtung Festival transportieren will. Ein anderer Yoga-Jünger kommt ihm entgegen, er bittet so um Hilfe: „Möchtest Du meinen Tag retten?“ Wer kann da schon Nein sagen.
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