Von Ulrike Hinrichs. – ” Vielen Dank für das Leben” ist keine leichte Strandkorblektüre, aber hier lesen sie, warum Sie es trotzdem ins Herz schließen werden: Sibylle Bergs neues Werk ist ein unglaublich fesselndes und dichtes Buch, das einen – in welcher Umgebung auch immer- nicht mehr los lässt. Erzählt wird die tragische Geschichte von Toto, einem geschlechtsneutralen Wesen, das von einer schweren Alkoholikerin in der DDR geboren wird. Diese ist völlig überfordert und gibt Toto im Waisenhaus ab. Dort wächst er auf. Da er weder Junge noch Mädchen ist, wird er von seinen Mitbewohnern und den Erziehern isoliert und verachtet. Totos Werdegang ist geprägt von dem unglücklichen Start in sein Leben. Isolation und Einsamkeit begleiten ihn bis zu seinem Tode. Er kommt in eine Pflegefamilie auf dem Lande, die ihn unbarmherzig ausnutzt. Am Ende verlässt er sie ohne Hab und Gut. Danach landet er in Hamburg in einer Rotlichbar. Auch dort wird er schlecht und unwürdig behandelt. Dabei hat Toto durchaus Talente, denn er kann wunderbar singen – alle die seine Stimme hören sind wie elektrisiert.
Sybille Berg zeichnet mit Toto einen Protagonisten, mit dem sich der Leser sofort identifiziert. Alle Widerwärtigkeiten und Abgründe des menschlichen Handelns begegnen Toto, aber er scheint nie zu resignieren. Im Grunde genommen versprüht er trotz seines elenden Daseins immer Zuversicht. Gelingt das eine nicht, schreitet er zum nächsten. Er geht positiv gestimmt, manchmal vielleicht etwas wundernd durch das Leben. Man ertappt sich dabei, selber ein wenig von dieser Leichtigkeit besitzen zu wollen. Nur am Ende – kurz vor seinem Tod- erfährt Toto zum ersten Mal Liebe: Er arbeitet in einem Pflegeheim und die alten Menschen dort lieben ihn. Toto muss weinen, denn ehrliche Zuneigung hat es zuvor einfach nicht gegeben.
Sybille Berg ist ein einzigartiges Buch gelungen, das trotz grosser Nüchternheit auch spannend ist. Die Geschichte beginnt in der alten DDR und endet im vereinigten Deutschland. Die Schattenseiten beider Systeme werden beschrieben. Toto findet sich in beiden Gesellschaften zurecht und irgendwie auch nicht. Am Ende stirbt Toto an Leukämie – eigentlich ein grauenhafter Tod, doch nicht bei Berg. So heisst es am Schluss, kurz bevor Toto aufhört zu atmen: ” Hört doch auf zu weinen”, sagt Toto, “ich ruhe mich mal schnell ein bischen aus. Und dann liegen wir zusammen auf der Wiese und überlegen uns, wie wir noch mal anfangen, und es besser machen, nur hört auf zu weinen.”
Sybille Berg: Vielen Dank für das Leben. Carl Hanser Verlag. München 2012. 22,60- Euro